Bild mehrerer Personen am Tisch

»Deutschland – Heimat – Fremdes Land«

Deutsche mit russischen Wurzeln haben zuletzt überdurchschnittlich stark die AfD gewählt und dabei oft der CDU den Rücken gekehrt, der sie zu Zeiten von Helmut Kohl als Dank für die Aufnahme in Deutschland politische Unterstützung gewährten. Ursachen und Folgen erklärt die MDR-Doku » Deutschland – Heimat – Fremdes Land«auf erfreulich unaufgeregte und vielschichtige Weise. Zu sehen ist die Dokumentation bis 28. März 2018 in der ARD-Mediathek.

Rund 4,5 Millionen so genannte Russlanddeutsche haben in den letzten Jahrzehnten ihre alte Heimat Russland verlassen und sich in Deutschland eine neue Heimat aufgebaut. Sie fühlen sich als Deutsche mit russischen Wurzeln und natürlich haben sie ihre Traditionen und Lebensgewohnheiten nicht abgelegt, sondern an die in Deutschland vorgefundenen angepasst.


Deutschland – Heimat – Fremdes Land (ARD-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 28. März 2018)

Von der Zuwanderung der Nachkommen aus den ehemaligen Ostgebieten hat über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg vor allem die CDU profitiert. Helmut Kohls Regierung öffnete ihnen die Grenzen. Und die Zuwanderer in der (zumindest dem Namen nach) kirchennäheren Volkspartei sahen ihre starken Werte Familie, Glaube und Heimat am besten reflektiert. Das hat sich geändert. Der Anteil der Russlanddeutschen bei denen, die von den Alt-Parteien nun die AfD oder andere nationale Gruppen favorisieren, ist sprunghaft angestiegen. Wenn man heute oft den Satz hört, die Volksparteien würden die Menschen nicht mehr erreichen, dann ist das eine sehr oberflächliche Betrachtung. Es sind nicht »die Menschen«, es sind vor allem viele Russlanddeutsche.

Die vom MDR produzierte Dokumentation von Galina Dick und Rainer Fromm taucht in dieses Thema viel tiefer ein als es Schlagworte und einfache Erklärungsversuche vorgeben. Sie lässt ganz ohne Kontaktangst eine Reihe von AfD-Aktivisten zu Wort kommen, die erklären, wieso sie und andere Russlanddeutsche die Angebote der rechten Partei derzeit attraktiver finden. Dabei bleibt es nicht bei angelernten Formulierungen. Die Erklärungen sind glaubhaft und in persönlicher Sichtweise auch nachvollziehbar.

Der Film geht dann auch einen Schritt weiter und versucht, unter anderem auch mit Beobachtungen in Russland, zu erklären, wieso die Werte wie Heimat, Frömmigkeit und Ordnung speziell in dieser Bevölkerungsgruppe so wichtig sind. Das Ergebnis dieser fairen Auseinandersetzung mit politischen Veränderungen in der deutschen Parteienlandschaft führt dann auch zu einer erhellenden Erkenntnis: Die angebliche Russlandnähe der AfD entpuppt sich als strategisch gute Positionierung in einer Problematik, die hier lebende Deutsche mit russischen Wurzeln besonders gut ansprechen.

Wieso diese Gruppe, die vor Jahren und Jahrzehnten hier auf die Integrationswilligkeit der Bevölkerung zählen konnte, nun selbst ausgrenzend gegen die neuen Zuwanderer ist, wird nur ansatzweise erklärt. Vielleicht reicht dazu einfach die kurze Zeit von 45 Minuten nicht – zumindest nicht für einfache Antworten. Für die sind, ist zu befürchten, weiterhin populistische Stimmenfänger zuständig.

Deutschland – Heimat – Fremdes Land
Doku-Sendeplatz »Story im Ersten«
Dokumentation, D 2018, 45 Minuten
Regie: Galina Dick und Rainer Fromm
Produktion: MDR
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