Szene aus »Propaganda 3.0 - Putin und der Westen« © Arte F

»Propaganda 3.0 – Putin und der Westen«

Daran, dass Russland seit Jahren versucht, im Westen die Gesellschaft und speziell Wahlen zu beeinflussen, zweifelt wohl – aus taktischen Gründen – nur noch Donald Trump. Der französische Journalist und Filmemacher Paul Moreira dröselt in der Dokumentation »Propaganda 3.0 – Putin und der Westen« auf, wie in Europa, insbesondere in Frankreich und Deutschland, der russische Informationskrieg funktioniert. Der Film ist bis zum 11. Mai 2018 in der Arte-Mediathek abrufbar. Es ist ein Frage von Wissen und Glauben. Man kann in Zeiten von »Fake News« und dem inflationären Ge- und Missbrauch dieser sprachlichen Keule ja längst nicht mehr unterscheiden, was real ist und was erfunden wurde. Die einen glauben, etwas zu wissen; andere meinen zu wissen, dass sie desinformiert werden. Verschwörungstheorien in den Köpfen, in den Medien, in der Computernetzen: Wer soll aus diesem Geflecht von Nicht- und Unwissen, von gezielter Propaganda, die sich als (bisher verschwiegene) Information tarnt, das Wissen herausfiltern vom Daten- und Informationsmüll? Europa braucht vielleicht einen Robert Mueller, den Sonderermittler der in Trumps Amerika versucht, Russlands Eingriffe in die amerikanische Gesellschaft aufzudecken. Je tiefer er gräbt, umso drängender sind die Fragen aus Sicht von Europa: Was, bitteschön, ist denn davon auch bei uns passiert? Haben die Trolle aus Putins Reich wirklich nur in den USA getobt?

Propaganda 3.0 – Putin und der Westen (Arte-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 11. Mai 2018)

Unwahrscheinlich. Und die französisch-deutsche Dokumentation »Propaganda 3.0 – Putin und der Westen« von Paul Moreira widerlegt jeden Versuch, die russischen Eingriffe auf ein Einzelereignis bei der Wahl des US-Präsidenten zu reduzieren. Der französische Filmemacher hat bereits eine große Anzahl investigativer Dokumentationen vorgelegt – u.a. über die Tabakindustrie oder über die revolutionäre Massenbewegung in der Ukraine. Der Mann weiß, wie man recherchiert und hat selbst bei politischen Gegnern einen beachtlichen Ruf. Das ermöglicht ihm nun zum Beispiel, ein Interview mit Margarita Simonjan zu führen. Sie ist Chefredakteurin von Russia Today, einem 2005 u.a. von Vladimir Putin gegründeten Fernsehsender, der über Youtube-Kanäle wie »Sputnik« seine spezielle Form der Information verbreitet. Wie das funktioniert, zeigt das Interview vortrefflich. Simonjan zeigt sich bestens präpariert und kann die meisten kritischen Nachfragen des Filmteams mit Gegenfragen und PR-Sprüchen abfangen. Bei gezielterer Nachfrage zaubert sie dann angebliche Fakten hervor, die ihren Besuchern nur deshalb nicht bewusst seien, weil sie in der westlichen Welt aus politischen Gründen verschwiegen würden. Die »Lügenpresse«-Masche also. Allerdings kann Moreira alles Behauptungen umgehend – zumindest im Film – analysieren und widerlegen. Speziell an den Gerüchten, die via Russland über den heutigen Staatspräsidenten Macron im Jahr 2017 gestreut wurden, zeigt der Film auch auf, wie perfide der Desinformationskrieg funktioniert. Außerdem legt Moreira dar, wie der Front National, dessen Anführerin Marine Le Pen im Wahlkampf gegen Macron stand, gezielt von Russland unterstützt wurde – auch finanziell. Der Front National ist nicht die einzige nationalistische, EU-feindliche Partei, zu der Russland Beziehungen geknüpft hat. Der erzkonservative Oligarch Konstantin Malofejew erzählt, wie er versucht, ein grenzübergreifendes rechtsextremes Netzwerk in Frankreich, Österreich und Deutschland aufzubauen. Alexander Gauland, Parteivorsitzender der AfD, gibt zu, dass er auf Einladung Malofejews einen Berater von Putin getroffen habe. Die Dokumentation liefert Berichte und Belege zu einem Krieg, dessen Beteiligte es verstehen, ihre Spuren sorgfältig zu verwischen.
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