»Marx und seine Erben«

Eines der meist nicht gelesenen Bücher ist zweifelsohne »Das Kapital« von Karl Marx, gefolgt von seinem »Kommunistischen Manifest«. Kann sich das, 200 Jahre nach der Geburt des Philosophen und nach einem Jahrhundert Propaganda um den Vordenker des Kommunismus noch einmal ändern? Filmemacher Peter Dörfler versucht in »Marx und seine Erben« die Wirkungsgeschichte des Popstar-Philosophen am heutigen Bekanntheitsgrad zu messen. Bis 30. Mai 2018 in der ARD-Mediathek abrufbar.

Zweihundert Jahre nach seiner Geburt treibt die Erinnerung an den deutschen Philosophen Karl Marx bunte Blüten. In seiner Heimatstadt Trier, wo er am 5. Mai 1818 geboren wurde, wird ein deutsch-chinesisches Import-Export-Geschäft abgewickelt werden: die deutsche Stadt baut den Sockel für ein Denkmal, auf das aus China eine überlebensgroße Figur gestellt werden wird. Die Statue stellt Karl Marx dar. Jener Denker und Theoretiker, der bis heute die Geister scheidet.


Marx und seine Erben (ARD-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 30. Mai 2018)

Filmemacher Peter Dörfler (u.a. »The Big Eden«) sammelt in seiner 45 Minuten kurzen dokumentarischen Zeitreise zum Leben und Wirken von Karl Marx biografische Daten, aktuelle Stimmen und globale Kuriosa ein. So ist Marx sicher ein Opfer der Propaganda geworden. Im Kapitalismus gilt der Autor von »Das Kapital« bis heute als die Inkarnation der kommunistischen Bedrohung. Von den Kommunisten – schon unter Lenin – zum Helden und Ersatzgott verklärt, hat er im heutigen sozialistischen China den Status eines Popstars erreicht. Mit einer eigenen TV-Show versucht man die chinesische Jugend für den »Mann auf dem Bild« zu interessieren. Über Straßeninterviews u.a. in London und Deutschland versucht Dörfler heraus zu finden, ob Marx bei den zufällig gewählten Normalbürgern eine Relevanz hat. Die wohl lustigste Einschätzung gibt dabei ein Engländer – man denke bei Marx eher an die  marktkette »Marks & Spencer«. Schwamm drüber also? Oder Reinwaschung für eben jenen Mann, der noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts starb, dessen Ideen aber heute, im Einundzwanzigsten, manchen als so aktuell wie nie erscheinen?

Erstaunlich vielseitig gelingt es in der knappen Zeit einen echten Husarenritt durch Geschichte, Anekdoten und Wirkungslehre der Marx’schen Kapitalismuskritik zu inszenieren. Zwar räumt Dörfler quasi alles aus dem Weg, was sich auf hunderten von Seiten in den Werken des Philosophen findet, er macht dabei jedoch auch den Weg frei auf »die Erben«, die der Film ja auch im Titel trägt. Dass dabei die deutsche Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht zur Marx-Enkelin erklärt wird, verwundert wenig. Auch Janis Varoufakis, der zur Zeit der Griechenland-Krise auch hierzulande zu einem Ruhm gelangte ehemalige Finanzminister der Hellenen, ist ein durchaus angenehmer wie voraussehbarer Interviewpartner. Die berührendste Einlassung zu Karl Marx steuert der deutsche Schriftsteller Peter Schneider bei, ein ebenso vitaler wie enttäuschter Protagonist der Studentenbewegung von 1968. An »seinem Marx«, sagt Schneider, habe ihm schon immer ein einfacher Satz gefehlt wie »Du sollst nicht töten.« Das »Fehlen jeglicher Ethik«, so Schneider, sei bei Karl Marx das Enttäuschendste.

In Trier und Peking, wo man am überlebensgroßen Karl Marx bastelt, mag man über Scheitern und Renaissance des Philosophen nicht sprechen. Fürs Erste reicht es den Trierern, wenn ihr Marx möglichst viele chinesische Besucher in die Stadt bringt. Touristen aller Länder, vereinigt euch!

Marx und seine Erben
Dokumentarfilm, D 2018, 44 Minuten
Regie: Peter Dörfler
Produktion: neue art film
Koproduktion: WDR, SWR, Arte