Szene aus »Eldorado« © zero one film

Kino-Tipp: Eldorado

Der neue Dokumentarfilm von Marcus Imhoof (u.a. »More than Honey«) ist unter dem Titel »Eldorado« in den deutschen Kinos gestartet. Produziert wurde der Film von Thomas Kufus (zero one film), Pierre-Alain Meier und dem Regisseur selbst. Er war einer der stärksten Filme der diesjährigen Berlinale, wo er außer Konkurrenz im Internationalen Wettbewerb lief. Das Thema Flüchtlinge verknüpft der Regisseur mit einer Erinnerung an die eigene Kindheit.

Kinostart: 26. April 2018

In »Eldorado« geht es um Flüchtlinge. Im Mittelpunkt von Imhoofs dokumentarischer Kamera steht die Mannschaft eines Bootes der italienischen Marine, die während der Aktion »Mare Nostrum« in Seenot geratene Flüchtlinge aufnehmen und ihre Erstversorgung übernehmen. Bei der Aktion werden über 100.000 Flüchtlinge gerettet. Sie bekommen Gold glänzende Folien, um sich vor dem Wetter und der Kälte zu schützen. Nicht ohne Grund sind die Folien auch das Plakatmotiv.

In starken Bildern beobachtet Kameramann Peter Indergand sehr genau, bleibt aber trotzdem auf gewisser Distanz. Er hat sehr beeindruckende Bilder gedreht von der Rettungsaktion, bei der man viel selbst entdecken kann. Imhoof formuliert es so: »Unsere Herausforderung war es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Grundsätzliches entlarvt sich an einem Detail, an einem Blick, einem Lachen, die Summe des scheinbar Unwesentlichen macht das Wesentliche sichtbar.« Es wird schnell klar, dass von den Flüchtlingen keine Gefahr ausgeht, sondern sie vor allem Menschen in Not sind, die verängstigt oder lethargisch auf ihre Rettung reagieren. Eine Euphorie und Freude kommt selten auf.

Aber »Eldorado« ist nicht ein weiterer Film über Flüchtlinge, von denen es jetzt schon einige beeindruckende gibt. Markus Imhoof geht das Thema weiter an. Wie schon in seinem auch an den Kinokassen erfolgreichen »More than Honey« verknüpft er ein globales Thema mit persönlichen Erlebnissen seiner Familie. Damals war es der Großvater, der sich um Bienen kümmerte, jetzt ist es ein italienisches, kränkelndes Flüchtlingskind, das im Zweiten Weltkrieg 1943 von seiner Familie aufgenommen wurde, weil die Wohnung ihrer Eltern zerstört worden war. In der sicheren Schweiz wurde Giovanna hochgepäppelt und erholte sich. Sie veränderte den Blick, wie der kleine Markus die Welt sah.

1980 drehte Imhoof den erfolgreichen Spielfilm »Das Boot ist voll«. Ihre Geschichte und auch anfängliche Liebe zu Giovanna ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, denn nach einigen Jahren musste sie zurück nach Italien, da ihr Visum ablief. Dort wurde sie wieder krank und starb sehr jung. Dass es sich nicht um eine rein humanitäre Aktion handelte, sondern um einen Deal der Schweiz, damit einige Juden gerettet werden konnten, fand Imhoof erst später heraus. Durch dieses Element weist er darauf hin, dass es schon immer Flüchtlinge gab in der bewegten Geschichte Europas und dass es unsere humanitäre Pflicht und Mitmenschlichkeit gebietet, ihnen zu helfen und nicht immer mit Abschiebung zu drohen, wie es populistische Politiker nur allzu gerne tun.

Der zweite Aspekt ist möglichweise noch elementarer. Imhoof und sein Team folgen den Flüchtlingen in die Aufnahmelager, wo die Geretteten unter schwierigen Bedingungen ihr Dasein fristen. Wird ihr Asylantrag dann nach langem Warten abgelehnt, versuchen sie sich durchzuschlagen. In der Landwirtschaft mit mafiösen Strukturen, arbeiten sie für einen Hungerlohn. Damit beginnt ein unglaublicher Kreislauf. Das wenige Geld, das sie sparen, schicken sie in die Heimat. Die Tomaten, die sie auf Feldern und Gewächshäusern ernten, werden von der EU subventioniert verarbeitet und die Tomatendosen dann nach Afrika exportiert. Dort kaufen sie die zurückgelassenen Familien mit dem Geld der Flüchtlinge. Dieser Kreislauf ist perfide und zeigt, wie Europa dann letztlich doch an den Flüchtlinge verdient.

Ähnlich geht es einem Afrikaner, der freiwillig aus der Schweiz zurück geht. Mit der Heimkehr-Prämie der Schweizer von 3000 Franken kauft er sich Kühe, muss aber auch dort mit der europäischen Überproduktion konkurrieren. Dies öffentlich zu machen als Kontrast zur Verunglimpfung als Flüchtlingsflut ist eine der großen Qualitäten von »Eldorado«, der deshalb heraussticht aus den Filmen über Flüchtlinge. Von daher gelingt es Imhoof wieder, vom Kleinen auf das Große zu kommen und schwierige Zusammenhänge deutlich zu machen.

Eldorado
Dokumentarfilm, D/CH 2018, 92 Minuten
Regie: Markus Imhoof
Produktion: Thelma Films AG, zero one film GmbH

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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