Eine Gruppe von Teenagern

TV-Tipp 18.5.: Wenn die User vom Holocaust berichten

Heute ist in Zeiten von Internet und globaler Verfügbarkeit von Smartphones, Tablets und Laptops jeder Mensch ein Filmemacher. Das führt bei Dokumentarfilmen wie »#uploading_holocaust« zu neuen Herausforderungen. Die beiden Regisseure waren im Juni 2017 auch zu Gast beim Branchentreff Dokville in Stuttgart und berichteten von ihren Erfahrungen mit »user generated content«. Der sehenswerte Film wird am Freitagmittag noch einmal bei ARD-alpha gezeigt.

ARD-akpha, 13 Uhr: #uplopading_holocaust

In Israel reist jedes Jahr ein Viertel der Oberschüler nach Polen. Was Ende der 1970er Jahre als Projekt eines Lehrers begann, der selbst Überlebender des Holocaust war, hat mittlerweile eine Eigendynamik entwickelt. Wie in einem Initiationsritual folgen die Schüler heute den Stationen der Vernichtung und sollen quasi in die Rollen der Opfer schlüpfen. Einige steigern sich so herein, dass sie völlig aufgelöst sind und dem Nervenzusammenbruch nahe. Zugleich werden die Teilnehmer propagandistisch eingeschworen auf den Staat Israel und seine unbedingte militärische Verteidigung.

Eigentlich wollten die beiden Regisseure Sagi Bornstein und Udi Nir eine solche Klassenfahrt begleiten. Doch bei ihren Recherchen stießen sie auf eine Plattform, in der seit den Anfängen Filmclips dieser Fahrten hochgeladen wurden – eine unglaubliche Quelle an »user generated content«. Als sie anfingen, gab es 10.000 Clips, inzwischen sind es drei Mal so viele. Deshalb entschlossen sie sich, den Film »#uploading_holocaust« nur mit diesem Material zu gestalten.

Obwohl die Filme aus den verschiedenen Jahrzehnten von der Auflösung eine sehr unterschiedliche Qualität haben, funktioniert ihre Dramaturgie hervorragend, da sich die Rituale an den gleichen Orten wiederholen. Bei einigen Clips gibt es ebenfalls solche dokumentarischen Glücksmomente, wenn beispielsweise eine Deutsche als Wiedergutmachung den Schülern gelbe Herzen an die Brust heftet. Für diejenigen, die hoffen, dass sie in Zukunft Filme günstiger produzieren könnten, zerstörten die beiden jegliche Hoffnung. Für die Klärung der Rechte mit den Machern und der Persönlichkeitsrechte mit den im Bild gezeigten Protagonisten sei eine erhebliche Recherche und ein großer Aufwand notwendig gewesen.

Der deutsche Produzent Christian Beetz ließ dazu auch ein crossmediales Projekt unter www.uploading-holocaust.com produzieren. Die beiden Regisseure waren im Juni 2017 auch zu Gast beim Branchentreff Dokville in Stuttgart und berichteten von ihren Erfahrungen mit »user generated content«.

(Kay Hoffmann/Thomas Schneider)

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Redaktion
Wir, die Redaktion von dokumentarfilm.info, versorgen Sie regelmäßig mit News, Artikeln und Hintergründen rund um den Dokumentarfilm.
Facebook
Twitter

Dies könnte Sie auch interessieren:

TV-Tipp 29.8.: Wenn Ginger Baker einem in die Fresse haut

Der amerikanische Musikjournalist James Bulger drehte 2012 einen Kinodokumentarfilm über den britischen Jazz- und Rock-Schlagzeuger Ginger Baker. Das Projekt mit dem damals 73 Jahre alten Musiker brachte dem Filmemacher eine gebrochene Nase ein, hatte als Ergebnis aber auch einen Film über einen der besten Musiker der letzten 50 Jahre. Das Bayerische Fernsehen zeigt »Hüte dich vor Ginger Baker« am Mittwochabend – und wir können diese Warnung nur weitergeben.

TV-Tipp 9.3.: Despoten – Wenn ein Herrscher zum Albtraum wird

Ein Despot steht in unserer Sprache für einen »Gewaltherrscher«, kann aber auch, eher allgemein betrachtet, einen »herrischen, tyrannischen Menschen« meinen. Die bei ZDFinfo am Freitag startetende, sieben Teile umfassende Doku-Serie »Despoten« fasst den Begriff sehr weit: vom gewählten Herrscher, der sich als Diktator erwies, über den Putschisten, der sein Land in Blut tränkte, bis hin zum Terroristen, der eigentlich gar keine Macht hatte, sondern Macht zerstören wollte. Was sie vereint: es sind sieben Unheilbringer, allesamt Mitglieder eines Gruselkabinetts der Willkür.

Internationaler Holocaust-Gedenktag: 3sat Doku-Programm
Mit einer Erstausstrahlung, einem Festival-Dokumentarfilm und zwei weiteren sehenswerten Dokus erinnert 3sat vom 25.1. bis zum 27.1.2021 an die Gräueltaten des Holocaust. Die Rote Armee befreite am 27.1.1945 die letzten Gefangenen in Auschwitz.  
Dokureihe „Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund”
Am 8. Mai 2021 jährt sich die Kapitulation. Die Erstausstrahlung der zehnteiligen Doku im ZDFinfo zum Jahrestag hat den Anspruch, neue Akzente zu setzen. Hierbei wird der Zeitraum 1918 bis 1948 thematisiert, wobei auch Archivmaterial der LFS gezeigt wird.