Animierte Szene aus "Die Mauer" © absolut MEDIEN GmbH

DVD „Die Mauer“: Dokumente deutsch-deutscher Geschichte

Der Bau der Berliner Mauer zur Abschottung der DDR war die größte Zäsur der deutschen Nachkriegsgeschichte; ihr Fall 1989 nicht minder einschneidend. Anlässlich des 60. Jahrestags der Errichtung am 13. August erscheint die DVD „Die Mauer“.

Kuratiert wurde die Zusammenstellung von Stephan Müller (Geschichtsbüro Müller), der seit 2016 historische Filmreihen über Berlin präsentiert. Dazu gehört auch das jährlich stattfindende Filmfest „Prenzlauerberginale“, das Filme über den Nordberliner Kiez zeigt. Dazu hatte Molto Menz von absolut medien im vergangenen Jahr eine DVD mit Kiezfilmen zwischen 1965 und 2004 veröffentlicht.

Westberlin als Stachel

Die DVD „Die Mauer. 8 Filme 1961-2017“ verhilft mittels eines breiten stilistischen Spektrums dazu, sich mit der deutschen Teilung auseinanderzusetzen, ob nun mit Dokumentar- oder Propagandafilm, Animation oder fiktional. „Berlin ist die Klinke, mit der die Tür nach dem Osten geöffnet werden kann“, wusste Berlins damaliger Oberbürgermeister Willy Brandt. Am 13. August 1961 schloss die DDR diese Tür ab.

Animierte Szene aus "Die Mauer" © absolut MEDIEN GmbH
Animierte Szene aus "Die Mauer" © absolut MEDIEN GmbH
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Animierte Szene aus "Die Mauer" © absolut MEDIEN GmbH

Perspektive des ostdeutschen Staates

Spannend sind zwei Propagandafilme aus der DDR. „Das ganze Halt“ (1961) von Dieter Mendelsohn entstand durch das Kollektiv der Wochenschau „Augenzeuge“ im DEFA Studio. Es legitimiert die Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“, um den geplanten Überfall „Deko II“ durch westdeutsche Truppen auf die DDR zu verhindern. Die Musik ist jazzig, der Kommentar aufpeitschend: „Revanchisten trommeln zum Marsch gen Osten“ kommentiert er ein Treffen der Landmannschaften und verweist auf die NS-Vergangenheit führender Köpfe der BRD.

Gescheiterte Flucht mit Schleppern

Der Schulungsfilm des Filmstudios Agitation des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) „Menschenhandel, Staatsgrenze Nord“ (1976) liefert eine „Rekonstruktion einer Schleusungsaktion unter Missbrauch des Transitabkommens durch die Menschenhändlerbande Mierendorff“, wie der Untertitel verrät. Unentschieden zwischen nervigem Störgeräusch und flotter Krimimusik zeigt die Fahrt des Flucht-LKWs lediglich, wie die Transit-Verplombung ausgetrickst wurde. Ansonsten bringt die vermeintliche Rekonstruktion wenig Erkenntnisse und funktioniert nicht.

Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH
Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH

Blicke West/Ost

Aus Westberliner Sicht sind Lilly Grote und Irina Hoppe mit dem an der dffb-Filmhochschule entstandenen Kurzfilm „BRDDR“ (1981) erfolgreicher. Als 1981 ein Teil der Berliner Mauer an der Ecke Landwehrkanal/Harzer Straße abgerissen wird, um sie durch eine höhere Mauer zu ersetzen, dokumentieren sie dies mit der Kamera. Dabei werden sie wiederum von den Grenztruppen kritisch beobachtet und fotografiert. Abgerissen wird auch der Slogan „Für ein unabhängiges, sozialistisches Deutschland! KPD“. Die Frage bleibt offen, woher dieser Slogan stammt; die Filmemacherinnen beginnen mit diesen Worten zu spielen.

Ein Tag Grenze im Zeitraffer

Ein ähnliches Konzept verwirklicht Gerd Conradt mit „Ein-Blick“ (1987). Aus einem Haus im Westen lässt er am 10.9.1986 zwölf Stunden lang ein Bild pro Sekunde drehen. Das Publikum kann so im Zeitraffer das Geschehen im Grenzbereich beobachten. Zwischen den Grenzanlagen ist ein Haus noch bewohnt mit alltäglichen Tätigkeiten wie Wäsche aufhängen, Essen oder spielenden Kindern. Gleich hinter dem Grenzwall gibt es sportliche Aktivitäten.

Potentielle Republikflüchtlinge

Mit dem künstlerisch originell gestalteten Animationsfilm „Die Weite suchen“ (2015) erinnert Falk Schuster an einen Sommerurlaub der Familie an der Ostsee. Die ausgelassene Ferienstimmung am vollen Strand wird konterkariert durch die Sicherheitsorgane, die in jedem Schwimmer einen potentiellen Republikflüchtling sehen. Jegliche Schwimmhilfe ist deshalb verboten. Ebenfalls ein Animationsfilm im Comic-Stil ist „1989 – Unsere Heimat“ (2014) von Schwarwel. Er verknüpft semidokumentarisch die Montagsdemonstrationen in Leipzig mit Rückblicken auf die deutsch-deutsche Trennung bis zur Wiedervereinigung 1990.

Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH
Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH
Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH
Die Mauer zwischen West- und Ostberlin © absolut MEDIEN GmbH

Ausreise unerwünscht

Mit dem Wunsch nach Ausreise und den Einschüchterungs-Maßnahmen des DDR-System beschäftigen sich die beiden fiktionalen Kurzfilme. „Die Klärung eines Sachverhalts“ (2008) von Sören Hüper und Christian Prettin zeigt eine 24-stündige Befragung durch einen Stasi-Offizier, der einen Ingenieur von seinem Ausreisewunsch abbringen will. In „Die besonderen Fähigkeiten des Herrn Mahler“ (2017) von Paul Philipp geht es um das Verschwinden eines sechsjährigen Kindes. Wurde es von seinen Eltern in den Westen geschmuggelt oder von der Stasi entführt?

Breites Spektrum mit Lücken

Insgesamt schlagen die acht Filme einen interessanten Bogen und ermöglichen, sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit der Mauer und ihren Folgen auseinanderzusetzen. Was fehlt, sind dabei dokumentarische Arbeiten zur Mauer von DDR-Seite, die über die staatlichen Propagandafilme hinausgehen. Jürgen Böttchers langer Dokumentarfilm „Die Mauer“ (1990) wäre beispielsweise eine gute Ergänzung.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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