Filmgespräch mit Kay Hoffmann (links, HDF) und Regisseur Niels Bolbrinker © Schneider

Vom Bauen der Zukunft: Utopie ist machbar

Wer interessiert sich heute noch für Le Corbusier? Wer verzichtet für Mies van der Rohe auf einen lauen Sommerabend? Wer will die Utopien des 20. Jahrhunderts erkunden, wo doch die Realitäten des Einundzwanzigsten viel unmittelbarer sind? Wer so an »Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus« herangeht, erlebt Erstaunliches. Der Dokumentarfilm über eine revolutionäre Neubesinnung in der Raumwahrnehmung wirft Fragen auf, die mehr sind als Zentimeterangaben: Wo sind wir und wie sind wir in einem Raum, der dadurch entsteht, dass wir darin sind. Das sind ja fast schon existentielle Fragen und Niels Bolbrinker, einer der beiden Regisseure dieses Filmes, zeigt bei der DOK Premiere seines Werkes auf Einladung des Hauses des Dokumentarfilms, wie aktuell diese Fragen und ihre Anworten auch heute noch sind.

Beginnen wir nicht mit den Octacopter-Drohnenaufnahmen von Weimarer, Berliner und Dessauer Bauhaus-Spuren, sondern mit einem Blick in das Chaos einer lateinamerikanischen Favela. Tausende auf engstem Raum lebend; ein fast schon biotisches Hüttenmonster aus Blech, Plastik, Holz und Erde; ein sich ständig veränderndes und nach keiner architektonischen Regel wachsendes Behausungsgeflecht, dem meist nicht nur die Legalität fehlt, sondern auch jegliche Infrastruktur. Kann man in diesem Moloch des 21. Jahrhunderts tatsächlich Spuren finden von einer elitären Kunst- und Architekturrichtung, die vor hundert Jahren als Elite-Denkschule in der jungen Weimarer Republik entstand?

Kann man. Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch, die sich mit »Vom Bauen der Zukunft« nicht das erste Mal mit der Geschichte und dem Fortbestehen der Bauhaus-Ideen beschäftigt haben, gelingt ein ästhetisch überzeugender und inhaltlich hoch spannender Film über Ideen, die einst als Utopien galten und heute, wo die Zukunft des Bauhauses längst Vergangenheit geworden ist, dringlicher erscheinen wie nie zuvor. Niels Bolbrinker, der sich im Filmgespräch mit Kay Hoffmann bei der DOK Premiere seines Filmes im Ludwigsburger Kino Caligari als abgeklärter, aber auch aus tiefem Wissen schöpfender Filmemacher und Bauhauskenner erweist, weiß um die Ambivalenz, die das Bauhaus heute ausstrahlt: »Irgendwie miefig, aber dann doch auch wieder modern.«, sagt er.

Als miefig kann man es heute schon empfinden, was Walter Gropius und seine ihm Folgenden in den 20er- und 30er-Jahren in Deutschland bauten, um den Massen der Arbeiter ein modernes Stadtleben zu ermöglichen. Architektur muss leben und sich verändern, sonst wäre sie nur noch Staub bedeckte Geschichte. Vieles vom Bauhaus hat nur als Museumsstück überlebt. Modern wäre dann aber sicher das, was zwei Schweizer Architekten mit ihrem »Urban Think Tank« in den Armenvierteln des 21. Jahrhunderts machen. Sie bringen Ideen ins Ghetto, die direkt aus Bauhaus-Denkweisen abgeleitet sind. Rolltreppen und eine Seilbahn zum Beispiel, die den abgehängten Slum-Bewohnern einen ganz neuen Zugang zur Stadt der Reichen am Fuße ihres Wohnberges ermöglicht. Oder ein sich ständig veränderndes Sport- und Sozialgebäude, das mitten in die Favela hinein einen Anreiz bietet, den Tag sinnvoll zu gestalten. Wo Menschen sind, hallo Bauhaus!, geht es immer auch darum, wie sie sind.

Utopie ist machbar. Das hat das Bauhaus vor hundert Jahren schon bewiesen, auch wenn sie zu ihrer Zeit verachtet und bekämpft wurden und spätestens, als die Nazis an die Macht kamen, ihre weitere Entwicklung ins Ausland verlegten (in dem Fall: nach Amerika). Utopie ist im Sinne des Bauhauses aber auch Mathematik. Ihre radikale Ästhetik leiteten die Architekten und Künstler von der Lebenswelt des Menschen ab. Dazu vermaßen sie beides: das Leben und den Menschen. Eine Dekonstruktion der Welt, um sie in Zahlen und Werten zerlegt wieder neu aufzubauen. Auch dies ist eine Idee, die sich heute wiederfindet, wo wir unser Dasein zunehmen in Bits und Bytes ausrichten und virtuelle Welten und Räume längst schon zum Alltag gehören. Minecraft, Fortnite, Bauhaus. Da gibt es einen Zusammenhang. Zu den beeindruckendsten Sequenzen dieses Filmes gehören jene, in denen der Tänzer Christian Mio Loclair in einem Bauhaus-Gebäude Raum erfahrbar und sichtbar macht und jene, wo er zu elektronisch generierten Beats und mathematischen Formen eine Verbindung aus Mensch-Maschine-Musik erzeugt. Bauhaus ist mehr als Haus. Auch das ist eine Erkenntnis dieses Filmes.

Bei der restlos ausverkauften DOK Premiere stößt der Film und das anschließende Gespräch auf große Resonanz. Im Publikum sitzen viele Expertinnen und Experten, die vom Freien Architekten Arne Fentzloff (Architektur 109) noch einen ebenso pointierten wie geerdeten Brückenschlag zwischen Bauhaus damals und Baukunst heute präsentiert bekommen. Ein gelungener Abend. Und ein Film, der sein Publikum findet: Kinokult, der Betreiber des Kino Caligari, hat den Film nach dem Erfolg der ersten Woche für weitere Vorführungen gebucht. Sommer oder Bauhaus – diese Frage beantworten wohl überraschend viele Zuschauer derzeit zugunsten eines Dokumentarfilmes, der so viel mehr ist als die Geschichte einer »miefigen Architektur«.

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