Filmstill "The Balcony Movie"

Dokumentarische Momentaufnahmen beim DOK Leipzig 2021

Die Dokus „The Balcony Movie“ (Wettbewerb Publikumspreis) und „Reality must be adressed“ (Deutscher Wettbewerb) spielen mit der Flüchtigkeit des Lebens. Beide halten in Momentaufnahmen und aus verschiedenen Kameraperspektiven den Lauf des Alltags fest.

Das Leben im Vorbeigehen: „The Balcony Movie“

Portrait Regisseur Pavel LozinskiZu Beginn: Ein kurzes Ruckeln im Bild, die Kamera dreht sich, dann steht die Welt einen Moment über Kopf. Wieder zurück, Position gesetzt. – „Die Welt“, das ist in der Doku von Paweł Łoziński der Gehweg vor seinem Balkon. Kein Links, kein Rechts, kein Blick zurück. Das Bild für den Zuschauenden reicht so weit, wie der Winkel seiner Kamera. Nur in manchen Passagen bewegt der Filmemacher die Kamera zur Seite. Für “The Balcony Movie” hat der polnische Regisseur zwei Jahre lang aus einer Perspektive gefilmt. Von seinem Balkon im ersten Stock, in einem Bezirk von Warschau, spricht er unbekümmert mit Passanten und Nachbarn. Er fragt sie nach dem Sinn des Lebens, und dem, was sie bewegt. Sie erzählen von sich, sind offen und oft neugierig. Selten stößt der Filmemacher dabei auf Ablehnung. Der Film zeigt, wie es auch sein könnte, anstelle der sonst so spürbaren Anonymität in der Großstadt.

Ein Stück Alltag in Momentaufnahmen

Die feste Kameraperspektive mag man, ohne es gesehen zu haben, zunächst mit einer „engstirnigen“ Sicht auf die Welt verbinden. Aber die Erzählung des Dokumentarfilms „The Balcony Movie“ ist es keineswegs. Paweł Łoziński spricht mit einer Vielzahl von Menschen, ob jung oder alt, Mann oder Frau, religiös oder nicht. Er stellt die richtigen Fragen und hakt nach, um mehr über die Unbekannten zu erfahren. Für ihn steckt hinter jeder Fassade etwas, das sich zu erzählen lohnt. Hervor kommen kleine Alltagsgeschichten von Trauer, Enttäuschung, Glück, Freude, Angst, Mut und Zuversicht. Es geht um Scheidung, das Altwerden, die Liebe, Arbeit und Perspektiven. Aber vor allem um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Für einen kurzen Moment im Vorbeigehen, unterhaltsam und spannungsvoll, begleitet der Regisseur die Menschen ein kurzes Stück bei ihrem Weg durch das Leben.

ein Paar vor dem Balkon des Regisseurs in Warsschau "The Balcony Movie"
werdende Mutter in "The Balcony Movie" film auf DOK Leipzig 2021

Der Dokumentarfilm „The Balcony Movie“ (OT: „Film Balconowy“) von Paweł Łoziński lief bereits in Polen beim Docs Against Gravity Festival und auf dem Locarno Filmfestival 2021, wo er den Grand Prix Semaine de la critique erhielt. Auf dem DOK Leipzig feiert er seine deutsche Premiere, mit Chancen auf den Publikumspreis und den MDR-Filmpreis (Preise DOK Leipzig).

„Reality must be adressed“ im Deutschen Wettbewerb

Die Doku „Reality must be addressed“ von Johanna Seggelke läuft im Deutschen Wettbewerb der DOK Leipzig 2021. Die junge Regisseurin erzählt darin aus ihrem eigenen Leben. Bei ihrem Trip durch Südafrika lernt sie Sky kennen. Sie reist mit ihr durch das Land und es entwickelt sich eine Beziehung. Doch zurück in Deutschland verblasst der Schimmer der leichten Liebe eines Sommers. Bruchstücke ihrer Erlebnisse filmt sie mit der Kamera. Mal ganz nah, das Leben im Zoom, mal verwackelt, aber immer im Bezug zu sich selbst und dem, was sie umgibt.

Erzählung mit kurzen Alltagssequenzen

Sky raucht in Doku "Reality must be adressed"
Sky in “Reality must be adressed”.
Was „Reality must be addressed“ so besonders macht, ist die Alltäglichkeit, die der Dokumentarfilm vermittelt, ohne trist zu wirken. Fast nebensächlich hält Johanna Seggelke Momente der Beiden fest. Ob zu Hause, im Auto, beim Tanzen oder beim digitalen Videocall, die Regisseurin fängt die Flüchtigkeit eines Lebensabschnittes ein. Gut montiert, in sinnhafte Abschnitte gegliedert, zeigt der Film, wie ihre Romanze sich langsam verläuft. Die Musik lässt den Zuschauenden die Momente miterleben. Der Kommentar von Johanna Seggelke aus dem Off ordnet ein und reflektiert, was war und ist. Ein Dokumentarfilm voller Leichtigkeit, der die Zuschauenden mit auf eine Reise zwischen Nähe und Distanz nimmt.
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Annika Weißhaar
Annika Weißhaar unterstützte bis Ende 2021 das Haus des Dokumentarfilms als Werkstudentin in der Online-Redaktion. Sie studierte Empirische Kulturwissenschaft im Master an der Universität Tübingen.
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