Schocken Kaufhaus von Salman Schocken mit Waren für die Arbeiterklasse

Kinotipp & Gespräch: „Schocken – Ein deutsches Leben“

Noemi Schory widmet sich in ihrem neuen, ab sofort im Kino laufenden Dokumentarfilm einem der erfolgreichsten Unternehmer der 20er Jahre: Salman Schocken. Kay Hoffmann stellt den Film vor und befragte die Regisseurin zu den Hintergründen der Doku.

Der jüdische Unternehmer Salman Schocken war eine schillernde Persönlichkeit. Er war Kaufhausgründer, Intellektueller, Büchermensch, Verleger, Mäzen und Ästhet. Seine Karriere begann in Deutschland, später wurde er unfreiwillig zum globalen Nomaden mit neuer Heimat Israel.

Demokratisierung des Konsums

Portrait von Salman Schocken
Salman Schocken.

Mit seinem Bruder gründete Schocken 1904 in Zwickau eine Kaufhauskette mit einer bahnbrechenden Geschäftsidee: der Demokratisierung des Konsums. In seinem Fokus stand die Arbeiterklasse, um sie mit Qualität zu günstigen Preisen beliefern. Schocken verband modernes Management mit sozialen Leistungen für seine Angestellten. Der bekannte Architekt Erich Mendelsohn baute für ihn funktionale Gebäude in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz im Stil des Bauhauses. Bald gehörten 22 Kaufhäuser und 6.000 Mitarbeiter zu Schockens Imperium. Damit brachten sie Leben in die Innenstädte.

Humanist der jüdischen Kultur

Als Mäzen förderte er zahlreiche jüdische Schriftsteller und Gelehrte. Die Nazis entrissen ihm erst seine Warenhäuser, dann den Verlag. Er entschied sich für das jüdische Palästina und kaufte die liberal kritische Tageszeitung Haaretz, die heute von seinem Enkel Amos weitergeführt wird. Er wurde zum Kosmopolit und war auch in den USA und der Schweiz zu Hause. Den wirtschaftlichen Erfolg nutzte Schocken, um einer humanistischen Vision zu folgen, die die Kultur in den Mittelpunkt der menschlichen Entwicklung stellt. Er bot jüdischen Menschen eine kulturelle Heimat. Als Autodidakt wurde er zum profilierten Literaturkenner und Büchersammler. 1929 gründete er das „Schocken-Institut zur Erforschung der hebräischen Poesie“, 1931 in Berlin den Schocken Verlag, der z. B. das Werk Franz Kafkas veröffentlichte.

Als Mäzen förderte er zahlreiche jüdische Schriftsteller und Gelehrte. Die Nazis entrissen ihm erst seine Warenhäuser, dann den Verlag. Er entschied sich für das jüdische Palästina und kaufte die liberal kritische Tageszeitung Haaretz, die heute von seinem Enkel Amos weitergeführt wird. Er wurde zum Kosmopolit und war auch in den USA und der Schweiz zu Hause. 

Boykott der Nazis 1933 vor Kaufhaus
Boykott der Nazis 1933. © Salzgeber
Großer Andrang bei der Eröffnung des Schocken Kaufhaus Nürnberg 1926
Eröffnung Kaufhaus Schocken in Nürnberg 1926. © Salzgeber

Visuell spannend gestaltete Lebensgeschichte

In der israelisch-deutschen Koproduktion „Schocken – Ein deutsches Leben“ porträtiert die bekannte israelische Regisseurin und Produzentin Noemi Schory einer der visionärsten und kulturell engagiertesten Unternehmer-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Dabei wählt sie spannende Visualisierungen mit Animation und Grafik, so wird ein leerstehendes Schocken-Kaufhaus, gefüllt mit historischen Fotos.

Schocken Kaufhaus von Innen
Schocken Kaufhaus mit Angeboten für die Arbeiterklasse
Schocken in Stuttgart Ecke Hirsch- Eberhardstraße
Schocken in Stuttgart, Ecke Hirsch-Eberhardstraße. Fotos: © Salzgeber

Zeitzeugen, Expert:innen und Schocken-Kenner berichten über die Bedeutung des Entrepreneurs für die jüdische Kulturgeschichte. – Ein vielschichtiger Porträtfilm, der eine Brücke vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart schlägt. Der Antisemitismus in Deutschland wächst und die Ironie der Geschichte ist, dass die rechtsradikale NSU-Gruppe, die vor zehn Jahren aufflog, sich in Zwickau im Schocken-Viertel versteckt hatte.

Kinostart von "Schocken - Ein deutsches Leben"

Kinostart von „Schocken – Ein deutsches Leben“ ist am 4. November.
Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms sprach mit Noemi Schory über Details zu ihrem beeindruckenden Dokumentarfilm:

Kay Hoffmann: Was war Dein Ansatz für dieses Filmprojekt?

Regisseurin Noemi Schory im PortraitNoemi Schory: In Deutschland ist Schocken trotz seiner vielschichtigen Aktivitäten, seiner Innovationen und seinem Kaufhaus-Imperium inzwischen weitgehend unbekannt. In Israel kennt man ihn nur über die Zeitung Haaretz und den israelischen Schocken Verlag. Seine Errungenschaften in Deutschland sind hier unbekannt.

Zu Beginn stand Dein Interesse an der Zeitung Haaretz. Was wusstest Du davon?

Ich wusste, dass es ein Familienunternehmen ist – auch wenn es weitere Geschäftspartner gibt. So kannte ich den Namen Schocken. Auf meinem Bücherregal stand das Buch ’The Patron – A life of Salman Schocken’. Als ich wegen mein Neugier über Haaretz anfing, das Buch zu lesen, war ich von der Persönlichkeit, von seiner grenzenlosen Neugier, seiner Vielseitigkeit, seiner unternehmerischen Energie berührt.

Welche Rolle spielt jetzt die Zeitung Haaretz in Israel?

In der Wüstenlandschaft der Presse in Israel steht Haaretz schon seit Jahren ziemlich allein, hartnäckig und ohne Furcht gegen jeglichen Konsens. Auf eine Flut von Kündigungen von Abonnenten wegen scharfer Kritik an der Besatzung und der Kriegsführung von israelischen Piloten, hat Amos Schocken geantwortet: „Ich glaube, Sie sollten lieber nicht zu unseren Lesern gehören”.

Was macht Salman Schocken so interessant für einen Dokumentarfilm?

Ich wollte seinen Ansatz in Erinnerung rufen, jüdische Identität durch Kultur und nicht durch Land zu definieren. Außerdem seine Menschen respektierende Unternehmensführung. In vielen seiner Ideen fand ich eine Alternative zu dem, was uns heute unvermeidbar erscheint.
Schocken in Ingolstadt
Das Schocken Kaufhaus in Ingolstadt. © Salzgeber
Schocken in Chemnitz 2020
Schocken 2020 in Chemnitz. © Salzgeber

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung?

Die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, um gerade dieses Nachdenken zu provozieren. Die verfallenen Ruinen von Schockens Kaufhäusern boten die Kulisse, die ich versuchte visuell für einen Moment sichtbar zu machen, ohne sie zu rekonstruieren und sie dadurch zu verfälschen. Die Anwesenheit von jungen Schüler:innen aus Zwickau diente ebenfalls diesem Zweck. Für Israel die Anwesenheit von Haaretz und Schockens Direktive bei der Übernahme von der Zeitung „Die Bürger zu verantwortlicher politischer Haltung zu erziehen“ zusammen mit „Tausend Jahre von Tinte und nicht Blut und Boden…“ boten mir die Möglichkeit, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Credits:

„Schocken – Ein deutsches Leben“ eine Produktion von Atzmor Productions und TAG/TRAUM Filmproduktion

in Koproduktion mit RBB Rundfunk Berlin-Brandenburg und Kan 11; 

gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg, Film- und Medienstiftung NRW, Schocken Foundation, Makor Foundation

Regie & Buch: Noemi Schory 

Bildgestaltung: Uriel Sinai, Itay Vinograd

Schnitt: Michal Oppenheim

Künstlerische Gestaltung: Ada Wardi, Noa Segal

Animation: Yoav Brill

Originalmusik: Boaz Schory

Produzent: Liran Atzmor

Koproduzent*innen: Gerd Haag, Ruth Ersfeld

Redaktion: Dagmar Mielke, Rolf Bergmann (RBB)

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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