Szene aus »Inside Lehmann Brothers« © KM Productions

Der amerikanische Alptraum: »Inside Lehman Brothers«

Wie man 613 Milliarden US-Dollar Schulden anhäufen kann? So, wie es die US-Bank Lehman Brothers tat bis zu jenem Moment, als sie 2008 endlich bankrott ging und weltweit ein Finanzbeben auslöste. Dass dies nicht mit rechten Dingen zuging, beweist der Dokumentarfilm »Inside Lehman Brothers« (bei Arte am Dienstagabend in Erstausstrahlung) auf eindrucksvolle und dramatische Weise. Im Mittelpunkt des von Arte France produzierten Filmes stehen Whistleblower, die das illegale Handeln ihres früheren Arbeitgebers anzeigten – und dafür selbst bittere Folgen bis heute zu ertragen haben.

Das, was Lehman Brothers unter ihrem obersten Chef Richard Fuld verkauften, waren faule Kredite. Immobilienfinanzierung für Menschen, die sich das nie hätten leisten können. Um dennoch Kreditzusagen zu erhalten, wurde alle Warnsystem ausgehebelt und Akten frisiert. Die Bank wiederum verdiente bei jedem Abschluss, denn das mehrere Tausend Dollar wurden gleich an vorderster Linie eingestrichen. Die hemmungslosen Geschäftspraktiken wurden verklärt: man ermöglichen den Amerikanern endlich die Verwirklichung ihres Traums.

Betrug im Kleinen, großer Betrug im Großen: Auch im ganz großen Stil hat das längst liquidierte einstige Traditionsunternehmen Bilanzbetrug betrieben. Als die Schulden bereits lebensbedrohend waren, wurden Milliarden durch interne Transfers »aus den Büchern gezaubert«.

All das sagen die Protagonisten dieser beeindruckenden Doku von Jennifer Deschamps nicht nur, sie können es mit Unterlagen belegen und damalige Schlupflöcher in den Gesetzen genau erklären. Teilweise waren sie, wie ein ehemaliger Mitarbeiter aus der Buchhaltung von Lehman Brothers erzählt, selbst an diesen Transaktionen beteiligt. Ohne ihr Wissen. Und als sie es merkten, meldeten Sie es innerhalb der Firmenstruktur oder an Überwachungseinrichtungen. Passiert ist wenig. Erst 2008 brach das korrupte System der Lehmann Brothers mit den so genannten »Subprime Loans« zusammen – da waren die meisten der im Film benannten Whistleblower bereits aus der Firma gedrängt worden. Teilweise mit rüden Methoden wie Einschüchterung oder sexuellen Drohungen.


Inside Lehman Brothers (Arte-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 15. Oktober 2018)

Der Niedergang von Lehman Brothers und die bis heute nicht überwundenen Folgen – sie benennt der Film nur am Rande, dafür aber sehr dramatisch – hat das Leben von Zigtausenden Menschen verändert oder zerstört. Viele von ihnen verloren ihre Wohnungen und Häuser, ihre Jobs, ihre Würde, ihre Zukunft. Von den Whistleblowern, die versuchten, die Korruption innerhalb des Hauses aufzudecken, ist ebenfalls keiner ungeschoren davon gekommen. So stellt der Film, der mit dem deutschen Untertitel »Whistleblower packen aus« versehen wurde, die Frage, ob wirklich genug Schutz diesen Tippgebern gewährt wird. ohne die kriminelle Vorgänge in Unternehmen vielleicht nie publik werden würden.

Es gibt auch zehn Jahre nach der Pleite kein Happy-end – zumindest nicht auf gesellschaftlicher Ebene. Der Dokumentarfilm endet mit einer aktuellen Problembeschreibung. Die »Subprime Loans« sind unter anderem Namen längst wieder erlaubt. Und auch die fesselnden Regulierung, die von der Obama-Regierung ab 2009 entlassen wurden, sind der Wall Street wieder abgenommen worden. Den Schlüssel steckte wer ins Schloss: Donald Trump. Make America great again. Vielleicht diesmal sogar noch größer als 2008.

Inside Lehman Brothers
Dokumentarfilm, F/FIN 2018, 85 Min.
Regie: Jennifer Deschamps
Produktion: KM Productions für Arte F, YLE
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