Szenen aus »Der Funktionär« © Oktoberfilm

DOK Leipzig 2018 (3): Von Politik und Frauenrechten

Beim diesjährigen Leipziger Dokumentarfilmfestival berichtet unser Kollege Kay Hoffmann wieder von seinen Dokumentarfilm-Sichtungen auf den Leinwänden der sächsischen Metropole. In dieser Folge schildert er seine Beobachtungen zu »Der Funktionär«, »Le ciel, la terre et l’homme«, »Die Tage wie das Jahr«, »On the water«, »I had a dream« und »#Female Pleasure«.

Klaus Gysi war Kulturfunktionär der DDR. Schon Ende der 1920er Jahre trat er in die Kommunistische Partei ein, nachdem er auf der Straße einen bei Unruhen getöteten Arbeiter gesehen hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er seine politische Karriere in der SED. Zunächst Verlagsleiter des Aufbau-Verlages wurde er dann Kulturminister, Botschafter in Rom und schließlich Staatssekretär für Kirchenfragen. Er ging immer dorthin, wohin die SED ihn schickte. Er war eine öffentliche Person und kämpfte darum, dem arbeitenden Volk Kultur nahe zu bringen. Dies war sein Ideal. Sein Sohn Andreas Goldstein setzt sich in »Der Funktionär« mit seinem Vater auseinander. Gegen die historischen Aufnahmen seines Vaters in der Wochenschau und in Fernseh-Talkrunden setzt er eigene Fotografien und Filmaufnahmen von Städten und Natur, um seinen reflektierten Kommentar mit Bildern zu unterlegen. Doch er bleibt sehr distanziert und die beiden Ebenen kommen meinem Eindruck nach nicht zusammen. Andere Zuschauer fanden diese Form sehr gelungen und lobten den Film überschwänglich.

Ebenfalls mit Formen experimentiert Caroline Reucker in ihrem Film »Le ciel, la terre et l’homme« für die Filmakademie Baden-Württemberg. Sie porträtiert ein Nomadenvolk in den Bergen von Marokko. In großartigen Bildern zeigt sie die windumtoste Landschaft und den Alltag der Nomaden. Sie leben von der Tierzucht, haben aber auch Anschluss an die moderne Technik gefunden. Ein junger Mann ist in die Stadt gezogen und er verdingt sich dort als Tagelöhner. Reucker gelingt ein Alltagsporträt von ihnen mit poetischer Kraft.

Als klassische teilnehmende Beobachtung realisierte Othmar Schmiderer seinen Film »Die Tage wie das Jahr«. Im Mittelpunkt steht der Biohof von Elfie und Gottfried im niederösterreichischen Waldviertel. Sie halten hauptsächlich Schafe, Ziegen, Bienen sowie weitere Tiere. Sie sind Selbstvermarkter mit Käse, Joghurt und werden durch das Jahr begleitet. Sie selbst sprechen wenig und ihr Alltag ist bestimmt von Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die vom Regisseur selbst geführte Kamera zeigt die Tiere oft in Großaufnahme, zeigt die Arbeitsprozesse mit genauem Blick, bleibt auch sonst auf angenehmer Distanz. Vor allem über die Selbstvermarktung kommen sie mit anderen Menschen in Kontakt. Trotz der vielen Arbeit scheinen sie dabei glücklich und erfüllt; die Zuschauer können in diesen ruhigen Lebensrhythmus eintauchen.

Ebenfalls eine teilnehmende Beobachtung ohne Kommentar und Musik ist »On the Water« von Goran Dević aus Kroatien. In Leipzig wurde deutlich, dass der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien und die Zerschlagung in einzelne Republiken nach 25 Jahren zu einem wichtigen Thema geworden sind, denn zahlreiche Produktionen haben dies zum Thema – wie der auch schon hier besprochene »Chris the Swiss«. Dević wollte eigentlich einen eher poetischen Film machen über Männer an den drei Flüssen der Industriestadt Siska. Einer sammelt mit seinem Kahn Treibholz, ein Kroate und ein Serbe scheinen unzertrennlich und angeln zusammen, ein Notar schwimmt winters wie sommers und motiviert seinen Sohn, dies ebenfalls als Leistungssport zu betreiben. Doch während der Dreharbeiten wird deutlich, das eigentlich alle vom damaligen Krieg geprägt sind. Die einen hatten schreckliche Erlebnisse im Krieg, verloren ihre Ideale, andere ihren Arbeitsplatz und manche Familie wurden auseinandergerissen. Unberührt hat das keinen gelassen und es drängt sie, sich vor der Kamera dazu zu äußern. Auch die Freundschaft zwischen dem Kroaten und dem Serben zerbricht während der Dreharbeiten aus ökonomischen Gründen. Ein Film mit starken Bildern und der klaren Botschaft, welche langfristigen Folgen der Krieg für viele hat.

Eine Langzeitbeobachtung über zehn Jahre ist »I had a dream« von Claudia Tosi aus Italien. Es geht um Politik und die Gleichberechtigung der Frau am Beispiel der beiden Politikerinnen Manuela und Daniela. Sie führen Wahlkämpfe, werden gewählt, müssen aber erkennen, wie wenig sie dann eigentlich damit verändern können. Es sind Kompromisse nötig. Der Film zeigt die Mühen der Ebenen. Hinzu kommt der Erfolg von Silvio Berlusconi, dessen Regentschaft das Land fundamental veränderte und der Rechtsruck der letzen Jahre, die die beiden verzweifeln lässt, ihre linken Vorstellungen durchsetzen zu können. Daniela bekommt Krebs. Ihre Wähler konstatieren eine Entfremdung der Politiker vom Alltag der Gesellschaft. Doch es gibt kleine Erfolge. Der Anteil der Frauen im Parlament verdoppelt sich von 13% auf über 20%. Um die Aufnahmen aus zehn Jahren zu rahmen kam die Regisseurin auf die gute Idee, den beiden Passagen des Films in einem Kino zu zeigen und ihre Reaktion von heute als roten Faden in den Film aufzunehmen. In Italien will die Regisseurin den Film nicht vor den Wahlen im nächsten Mai zeigen aus Furcht, er könnte von den politischen Gegnern instrumentalisiert werden. Schon die Veröffentlichung des Trailers beim Leipziger Festival löste in Italien entsprechende Kommentare im Netz aus.

Um Gleichberechtigung und die Rechte von Frauen auf ihren Körper und ihre Sexualität geht es in »#Female Pleasure« von Barbara Miller aus der Schweiz. Es ist ein bewusst plakativer Film, der weltweit fünf Frauen aus fünf Religionen und ihren provokativen Kampf vorstellt. Ziel war das patriarchalische System zu entlarven, das die Frauen seit Jahrhunderten weltweit unterdrückt. Der Film hat eine lange Produktionszeit, kommt aber jetzt gerade recht zu Me-Too-Debatten. Eine Afrikanerin kämpft gegen die immer noch praktizierte Genitalverstümmelung, eine Inderin setzt sich für das Recht auf Gefühle auch bei indischen Frauen ein, eine Japanerin provoziert mit einem Abdruck ihrer Vagina als Kunstobjekt, eine amerikanische Jüdin wehrt sich gegen Restriktionen ihrer strenggläubigen Glaubensgenossen und eine deutsche Nonne geißelt den Missbrauch durch einen Glaubensbruder, ohne das die Katholische Kirche darauf reagieren würde. Letztlich verbreitet der Film eine positive Grundstimmung, denn bei allen scheint sich eine gute Lösung abzuzeichnen. Der Film startet nächste Woche im deutschen Kino.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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