Berlinale 2022, Sektion Wettbewerb: Filmstill aus "Everything Will Be Okay" © CDP Anoupheap Productions/Berlinale 2022

Berlinale 2022: dokumentarische Vielfalt (1)

In diesem Jahr sind 18 dokumentarische Produktionen für den Berlinale Dokumentarfilmpreis nominiert. Er ist vom Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) mit 40.000 € dotiert. Kay Hoffmann wird viele dieser Produktionen sowie weitere ausgewählte Dokumentarfilme vorstellen.

Von Schweinen und Affen: „Everything will be ok“ (Internationaler Wettbewerb)

Im Internationalen Wettbewerb der Berlinale läuft „Everything will be ok“ von Rithy Panh. Um die grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Kriegen, Gewalt und Unterdrückung zu zeigen, nutzt der Gewinner des Berlinale Dokumentarfilmpreises 2020 viel historisches Archivmaterial, das er oft in Splitscreens mit vier oder sechs Monitoren zeigt. Das wichtigste Element sind detailliert gestaltete Dioramen mit Figuren, durch die sich die Kamera kunstvoll bewegt. Seine pessimistische Perspektive ist, dass Tiere die Herrschaft über die Welt übernehmen (allen voran Schweine und Affen) und nun sie wiederum die Menschen zu Untertanen machen.

Die Schweine ähneln nicht von ungefähr den Schweinen aus dem Animationsfilm „Farm der Tiere“, der auf der gleichnamigen Fabel von George Orwell basiert. Überhaupt zitiert Rithy Panh zahlreiche Klassiker des Films. Die Hoffnung ist, dass sich eine Gruppe dem neuen Terrorsystem entzieht und sich gegenseitig respektiert.

Sinfonie einer Eiche: „Le Chêne“ (Berlinale Special)

Ganz großes Kino ist „Le Chêne“ von Laurent Charbonnier und Michel Seydoux. Der Film ist nicht für den Berlinale Dokumentarfilmpreis nominiert. Im Mittelpunkt stehen eine 210 Jahre alte Eiche in einem Naturschutzgebiet und die vielfältige Tierwelt um sie herum. Der Film folgt dem Geschehen über einen Jahreslauf. Zu sehen sind spektakuläre Bilder unterlegt mit aufwändiger Orchestermusik, die manchmal etwas übertreibt. Beeindruckend ist, wie verschiedene Tiere in einem Bild zusammenkommen.

Berlinale 22, Sektion Special: Filmstills aus "Le Chene" © Camera One/Gaumont/Winds

Im Gespräch sagt Michel Seydoux, für einen solchen Dreh benötige man viel Geduld und eine gute Montage. Den beiden Regisseuren gelingt ein packender Film mit tierischen Verfolgungsjagden sowie dem ständigen Kampf ums Revier. Dazu wählen sie alle Mittel, die es heute gibt, wodurch die Tiere – vor allem das Eichelhäher-Paar – dem Publikum richtig ans Herz wachsen. „Le Chêne“ wird im Herbst 2022 von X-Film ins deutsche Kino gebracht.

Berlinale 2022, Sektion Forum: Filmstill aus "Geographies of Solitude" © Jacquelyn MillsVon Pferden und Robben: „Geographies of Solitude“ (Berlinale Forum)

Um eine einsame Insel vor Kanada geht es in „Geographies of Solitude“ der kanadischen Experimentalfilmemacherin Jacquelyn Mills. Sie porträtiert Zoe Lucas, die auf Sable Island, einer einsamen Insel vor der Küste Nova Scotias, seit Jahrzehnten die Wildpferde und Robben beobachtet und wissenschaftlich begleitet. Doch seit längerem wird auch Plastikmüll angespült, den sie mit ähnlicher Akribie erfasst. Der Film besticht durch seine experimentelle Bild- und Tongestaltung, die einen engen Bezug zum Leben auf der Insel schafft. Sicher einer der persönlichen Höhepunkte des bisherigen Programms.

 

Institution der Solidarität: „Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien“ (Berlinale Forum)

Berlinale 2022, Sektion Forum: Filmstill aus "Für die Vielen" © Navigator FilmDer Österreicher Constantin Wulff widmet sich in seinem neuen Dokumentarfilm „Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien“ nach „In die Welt“ (2008) und „Wie die anderen“ (2015) erneut einer Institution und ihren gesellschaftlichen Funktionen. An die Kammer für Arbeiter und Angestellte (kurz Arbeiterkammer, gegründet 1920) können sich alle wenden, die Probleme mit ihren Arbeitgebern haben. Es sind oft die prekären Arbeitsverhältnisse von Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne Ausbildung und alleinerziehenden Frauen, mit denen sich die Arbeiterkammern beschäftigen. Über die Hälfte der Fälle wird außergerichtlich gelöst und zustehendes Geld ausbezahlt. Wulff und sein Team begleiten die Gespräche im Direct-Cinema-Stil, vertiefen die persönlichen Einzelfälle jedoch nicht.

Im Film wird auch die Zuspitzung der Situation durch Corona thematisiert: Die Arbeiterkammer lebt von der direkten Beratung und dem persönlichen Austausch. Von daher trifft sie die Pandemie gleich doppelt. Die Beratungsgespräche müssen reduziert werden und ihr Klientel ist besonders betroffen von Lockdowns. Erst wird auf das Händeschütteln verzichtet, dann leert sich das Gebäude, weil viele im Homeoffice arbeiten müssen. Den Mitarbeiter:innen der Arbeiterkammer ist klar, dass ein Applaudieren für die systemrelevanten Berufe nicht reicht, sondern sie einfach besser bezahlt werden müssen. Denn letztlich ist es ein Unding, das wenige Menschen in der Gesellschaft den Wohlstand sammeln, weite Teile davon aber ausgeschlossen sind. Von daher ist es eine sozialpolitische Herausforderung.

Berlinale 2022, Sektion Forum: Filmstill aus "THe United States of America" © James BenningBilder von Landschaften: „The United States of America“ (Berlinale Forum)

James Benning bleibt sich treu. In „The United States of America“ arbeitet er wieder mit statischen Einstellungen von Landschaften und Orten. Nach Schwarzbild kommt jeweils eine Information zum Ort und Staat. Dann können die Zuschauer:innen in den Bildern auf Entdeckungsreisen gehen. Der Mensch taucht nur als kleine Figur auf oder Benning zeigt Zelte und Schlafsäcke von Obdachlosen unter einer Autobahnbrücke mit tosendem Verkehr. Auch wenn er bei einigen Bildern neben dem O-Ton Radioreportagen einsetzt, ist „The United States of America“ auf Dauer ermüdend. Der Abspann verrät, dass alle Aufnahmen in Kalifornien entstanden sind – die vermeintliche Rundreise entpuppt sich als Fake.

 

Berlinale 2022, Sektion Panorama: Filmstill aus "Dreaming Walls" © Clin d'oeil FilmsPorträt eines legendären Orts: „Dreaming Walls“ (Berlinale Panorama)

Das Chelsea Hotel in New York hat Kulturgeschichte geschrieben. Jetzt wird es schon seit neun Jahren renoviert. „Dreaming Walls“ von Amélie van Elmbt und Maya Duverdier porträtiert die dort trotz des Umbaus lebenden Künstler, die inzwischen hochbetagt sind. Die Apartments sind so winzig, dass man sich kaum umdrehen kann, und sie sind vollgestopft mit Dingen, Kunst und Erinnerungen. Die legendäre Geschichte dieses Ortes wird in innovativer Form präsentiert. Der Film lebt von der Aura des Gebäudes und dem Charme seiner Bewohner:innen. Ob diese Atmosphäre erhalten werden kann, sollte die Renovierung irgendwann abgeschlossen sein, ist fraglich.

 

Berlinale 2022, Sektion Generation: Filmstill aus "Kind Hearts" © Olivia Rochette/Gerard-Jan ClaesPersönliche Veränderungen: „Kind Hearts“ (Berlinale Generation)

Der belgische Jugendfilm „Kind Hearts“ von Olivia Rochette und Gerard-Jan Claes zeigt das Beziehungsdrama zweier Jugendlicher. Sie kennen sich schon einige Jahre und verstehen sich gut. Als die Schule vorbei ist, stellt sich trotzdem zunächst die theoretische Frage, ob sie zusammenbleiben sollen oder sich trennen. Ein Film, der nur wenige dokumentarische Momente hat und den Eindruck hinterlässt, das viel abgesprochen und inszeniert ist.

Das gesamte Berlinale-Programm, inklusive aller Dokumentarfilme und dokumentarischer Formate, gibt’s auf berlinale.de

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
Facebook
Twitter