Berlinale 2022, Sektion Special: Filmstill aus "Eine deutsche Partei" © Spicefilm

Berlinale 2022: „Eine deutsche Partei“

Politisch hochaktuell war das Berlinale-Screening von „Eine deutsche Partei“ von Simon Brückner. Drei Jahre lang drehte er mit einem Zwei-Mann-Team das Innenleben der rechtsgerichteten „Alternative für Deutschland“ auf verschiedenen Ebenen der Partei.

Insgesamt kamen 500 Stunden Material zusammen, das Simon Brückner wohlsortiert in sechs Kapiteln präsentiert. Im Stil des Direct Cinema wird beobachtet, dokumentiert. Auf Interviews und Kommentare wird verzichtet. Zu seinem Ansatz erklärt der Dokumentarfilmer gegenüber dem rbb, der zugleich einer der Ko-Produzenten des Films ist:

„Ich habe gesagt: ‚Mich interessiert alles, was euch ausmacht. Ich gehöre nicht zu euch, ich bin nicht euer Anhänger. Aber ihr seid mir im Grunde ein Rätsel, ich möchte euch verstehen.‘ Ansonsten hat mir für den Einstieg ein Kontakt geholfen. Ich kannte jemanden, der in die Partei eingetreten war. Der hatte mir einen Kontakt zu einem Berliner Bezirksverband hergestellt. Dort habe ich vorgesprochen und von dort aus habe ich mich auch weiterreichen lassen.“

Es gab lediglich zwei Vereinbarungen mit der umstrittenen Partei:

  1. Sie hat keinen Einfluss auf den Schnitt.
  2. Der Film wird erst nach der Bundestagswahl im Herbst 2021 veröffentlicht.

 

Simon Brückner ist respektvoll herangegangen – dies ist sicher eine der Stärken seines Films über die kontrovers diskutierte Partei, die in vergangenen Jahren Wähler:innen für sich gewinnen konnte. Zwischen 2019 und 2021 begleitete das Team zahlreiche AfD-Politiker und einige Politikerinnen mit der Kamera. Dass diese ausführlichen Dreharbeiten nicht jedem passten, wird bei der Sichtung des Dokumentarfilms auch deutlich.

Berlinale 2022, Sektion Special: Filmstill aus "Eine deutsche Partei" © Spicefilm
Filmstill aus “Eine deutsche Partei” © Spicefilm

Innenansicht der AfD offenbart ihre Zerrissenheit

Beim Blick hinter die Kulissen der AfD entlarvt sich die Partei selbst, zeigt ihre Zerrissenheit zwischen dem rechtskonservativen und rechtsradikalen Flügeln, ob es nun um ihre Position zur Corona-Pandemie oder den Umgang mit Migrant:innen geht. Bei einer Pressekonferenz im Wald wettern AfD-Politiker gegen den Bau von Windrädern und setzen sich für Kernenergie als saubere Alternative ein – ohne auf das Problem der Entsorgung einzugehen. Im Berliner Abgeordnetenhaus will man andere Parteien bloßstellen, indem man einen Antrag einbringt, dass alle Schulen die Deutschlandflagge und das Grundgesetz anschaffen sollen. Andere Parteimitglieder sehen darin die Gefahr eines Eigentors. Der Antrag wird schließlich nicht gestellt. Eine Delegation fährt zum Flüchtlingslager Lipa in Westbosnien. Als sich eine Gruppe aus großer Entfernung auf die Politiker zubewegt, reagieren diese panisch.

In solchen verstörenden Momenten entwickelt sich die Stärke dieses Dokumentarfilms, denn das Publikum kann sich selbst ein Bild machen – ohne die üblichen Scheuklappen. Nach ernüchternden Wahlergebnissen und heftigen Machtkämpfen gab Ende Januar 2022 der gemäßigtere Jörg Meuthen als Ko-Parteivorsitzender auf, trat aus der Partei aus und überließ den Rechtsextremen das Feld.

Mit „Eine deutsche Partei“, der für den Berlinale Dokumentarfilmpreis nominiert war, ist Simon Brückner ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über die AfD gelungen.

Filmplakat zu "Eine deutsche Partei" © Majestic Filmverleih GmbH
Credits:

„Eine deutsche Partei“.
Regie/Buch/Kamera: Simon Brückner.
Eine Produktion von spice film mit ZDF/3sat, RBB.
Im Verleih von Majestic Filmverleih GmbH.
D 2022. 110 Minuten.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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