Szene aus »Where to Invade Next« © ZDF/Dog Eat Dog Films

»Where To Invade Next« von Michael Moore

Es war sicherlich einer der vom Publikum auf der Berlinale 2016 am besten aufgenommenen Filme. Es wurde viel gelacht, es gab Szenenapplaus und einen frenetischen Beifall und Standing ovations zum Schluss, der den gesamten Abspann andauerte. Arte zeigt Michael Moores »Where to Invade Next«, ein bewusst subjektiver Dokumentarfilm, bis 9. Februar 2019 in der Mediathek des Senders als Videostream. Der Filmemacher dient sich darin dem US-Pentagon an und macht Amerika wirklich wieder groß. Merke: Jeder kann Amerika groß machen – selbst Michael Moore.

Er polarisiert wie immer, spitzt zu und wählt eher ein klares Schwarz-Weiß-Denken als ein abwägendes Für und Wider mit Grautönen. Schon der Titel klingt militärisch und so beginnt auch der Film. Nachdem Amerika keinen Krieg und keine militärische Intervention nach 1945 gewonnen hat, tut Michael Moore so, als ob er nun Berater des Pentagon ist und vorschlägt, dass er allein als Einzelkämpfer den nächsten »Feldzug« führt. Michale Moore geht es nicht um den Kampf gegen das Böse, sondern die Suche nach dem Guten. Dabei folgt er drei Regeln: Niemanden erschießen, kein Öl erbeuten und etwas nach Hause bringen, was den Amerikanern nutzt.


»Where To Invade Next« (Arte-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 9. Februar 2019)

Moore wird in Europa und Tunesien fündig und ist fassungslos über die sozialen Errungenschaften auf dem alten Kontinent – seien es bezahlter Urlaub, ausgiebige Mittagspausen, Mutterschutz, gute Bildung, gutes Schulessen, der vorbildliche Umgang mit der Vergangenheit, das kostenlose Studium, Gleichberechtigung der Frauen, offener Strafvollzug oder die Legalisierung von Drogenkonsum. Dies alles sind für ihn paradiesische Zustände, über die er immer wieder ungläubig den Kopf schütteln muss.

Sein erklärtes Ziel ist das Sammeln von Blumen und nicht des Unkrauts, wie er selbst im Film sagt. Patriotisch verteilt er die amerikanische Flagge an seine Gesprächspartner und wird immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Ideen eigentlich oft aus Amerika übernommen wurden. Aber dort sind sie verloren gegangen und die soziale Absicherung und der Wohlfahrtsstaat werden als kommunistisch diffamiert. Die Zeit scheint reif für einen politischen Wandel und die Rückbesinnung auf soziale Werte, wie auch der momentane Erfolg von Bernie Sanders als demokratischer Präsidentschaftskandidat zeigt.

Von daher ist es ein bewusst subjektiver Film in erster Linie für ein amerikanisches Publikum; doch wir können uns köstlich darüber amüsieren. Dabei ist er sehr politisch, denn er zeigt, dass Jeder etwas machen und eine Gesellschaft positiv gestalten kann. In Deutschland lobt er unter anderem die offensive Beschäftigung mit der schrecklichen NS-Vergangenheit. In den USA wäre sowohl die Vernichtung der indianischen Urbevölkerung, die Sklaverei und Unterdrückung der Schwarzen kein großes Thema.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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