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Integration geht viele Wege – und manchmal durch den Magen

Manchmal bedarf es ein wenig Abstand, um zu sehen, ob etwas ganz okay oder sogar besser als das ist. Bei der Frage, wie sich in den letzten 70 Jahren Hunderttausende von Menschen in Baden-Württemberg integriert haben, hat das Haus des Dokumentarfilms ganz genau hingesehen und daraus ein Zeitzeugen- und Dokumentationsportal erstellt, das Mut macht: »Daheim in der Fremde« heißt es und es erzählt viele »Geschichten vom Ankommen«, die belegen, dass hier Etwas besonders gut gelungen ist. Vor Jahresfrist als Web- und Multimediaprojekt gestartet, hat das Portal nun bei einer Präsentation in Stuttgart die nächste Phase erreicht. »Das Projekt geht weiter«, war die Botschaft. Nun denn: es werden neue Geschichten gesucht.

Zu Gast in der gläsernen Redaktion des Innenstadtbüros der beiden Stuttgarter Tageszeitungen präsentierte sich das erst vor wenigen Tagen mit einem Kulturpreis des Landes angstrahlte Webprojekt »Daheim in der Fremde« im besten Licht. Als eine bunte, lebendige Plattform, die nicht Vergangenes abheften, sondern mithelfen will, Zukünftiges zu gestalten. Denn Migration war und bleibt eines der größten Probleme unserer Tage. »Nur durch die Menschen, die hier zu uns kamen und sich hier nieder ließen konnte Baden-Württemberg zu seiner heutigen Größe heranwachsen«, sagte Dr. Irene Klünder, Geschäftsfüherin des Hauses des Dokumentarfilms. Das Stuttgarter Institut hat das vom Land Baden-Württemberg mitfinanzierte Projekt an den Start gebracht. »Dabei war das Team«, so Irene Klünder, »hauptsächlich von Studierenden getragen, die selbst einen Migrationshintergrund in der Familie hatten.«

Die Webseite Daheim in der Fremde erzählt in filmischen Zeitzeugen-Interviews, mit Texten, Fotos und in moderner, digitaler Aufbereitung, wie sich Menschen in Baden-Württemberg einlebten. Sie wurden von Migranten zu Mitbürgern, von Fremden zu Kollegen, zu Nachbarn und Freunden.

In kurzen Filmausschnitten aus zwei Zeitzeugen-Interviews konnten sich die Gäste bei der Präsentation der Webseite einen Eindruck vom erzählerischen Ansatz des Projektes machen. Als Gesprächspartner hatte Anita Bindner, die Projektleiterin im Haus des Dokumentarfilms, den Zeitzeugen Huy-Hung Nguyen eingeladen. Er war 1980 als Kind mit den Boatpeople aus Vietnam nach Deutschland gekommen und erzählte sehr anschaulich, wie seine Irrfahrt und das Wurzelschlagen in Deutschland gelangen. Integration geht eben manchmal ganz einfache Wege – zum Beispiel durch den Magen. Während seine Frau vietnamesisch koche, erzählt der seit vielen Jahren bei der Firma Bosch beschäftigte Ingenieur, würden seine beiden Kinder lieber geröstete Maultaschen oder Mozzarellasalat servieren. Aber auch Nachdenkliches klang an. Wenn er seine Kinder heute so sehe, dann erinnere ihn das daran, wie er damals in dem Alter nicht mehr bei seiner Familie sein konnte und fern von der Heimat ein fremdes Daheim finden musste.

Heimat kann schön sein, Heimat zu empfinden kann aber auch ganz schön schwer sein.

Wie geht es weiter nach diesem Abend, der auch das Team aus Studierenden, die das Projekt in monatelanger Arbeit realisiert hatten, noch einmal zusammenbrachte? Dazu kann Anita Bindner, die in viele Gespräche eintauchte, vielleicht schon bald etwas sagen. »Der Sinn des Abends war es, neue Kontakte zu noch mehr Themen und Zeitzeugen zu knüpfen«, sagte sie. Dazu muss man diesmal nicht lange warten um es zu bewerten: das Ziel ist sicher bereits erreicht. Wobei Ziel in diesem Zusammenhang ein Signal zum Weitermachen ist. Es gibt in Sachen »Daheim in der Fremde« noch eine ganze Menge zu tun.

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