Szene aus »Wrdlbrmpfd! Karl Valentin - der Unverstandene« © BR

TV-Tipp 29.1.: Volkssänger, Pop-Star und einer, den wir brauchen

Wenn man wissen will, wie man einen folklorisierten und seit 70 Jahren verstorbenen Künstler vom Staub befreit, der muss sich Andreas Ammers »Wrdlmbrnbfd!« am Dienstagabend im BR-Fernsehen ansehen. Das ist eine wuchtige Wiederauferstehung eines Pop-Stars, der unter Zuckerguss und Karl-Valentin-Orden begraben schien. Dazu singt David Bowie und in der Maxvorstadt spielt die Leiche ihre besten Sketche. Eine mutige Neuinterpretation eines großen Künstlers.

BR, Di 29.1.2019, 22:30 Uhr: »Wrdlbrmpfd! Karl Valentin – der Unverstandene«

Eigentlich weiß man schon nach 60 Sekunden, dass diese Karl-Valentin-Doku anders wird als die übliche Retrospektive eines verglühten Fixsterns am Künstlerhimmel. Erst fordert Senta Berger trocken die jährlichen Karl-Valentin-Festspiele, die der Bayerische Rundfunk bitte schön ausrichten solle. Dann fährt die Kamera durch ein nächtliches München, das von projizierten Szenen aus Valentin-Filmen erleuchtet wird. Dazu hört man harte Rockriffs. Das hat Wucht, das ist eine Ansage.

»Karl Valentin – der Unverstandene« lautet der Untertitel dieser nur 45 Minuten kurzen Dokumentation über den bayerischen Künstlerexoten, der uns vor 80 Jahren abhanden gekommen ist. Aber in Wirklichkeit heißt der Film »Wrdlbrmpfd!« – und das ist wahrlich zum Schenkelklopfen und raffiniert zugleich. Das unaussprechliche Wort stammt direkt aus einem Valentin-Sketch. Nicht einmal seinen Namen, den sich der Valentin da selbst gibt, kann man aussprechen. Wie soll man ihn als verstehen, den langen Karl mit seinem anarchischen Humor und seinen dadaistischen Ideen.

Andres Ammer, Autor und Regisseur dieses Filmes (und vielbeschäftigter Hörspiel-Autor, u.a. auch eines über eben selbigen Karl Valentin), zeigt, dass er den Valentin verstanden hat. Dabei hat er auch einige wirklich exzellent ausgewählte und auf den Punkt interviewte Komiker von heute befragt: Luise Kinseher, Willy Astor, Helmut Schleich und Christian Springer. Lange schon nicht mehr sind die wunderbaren sauren Sketche von Karl Valentin und seiner Partnerin-Geliebten Liesl Karlstadt sowie ihr gemeinsames Künstlerleben so modern erzählt und interpretiert worden.

Ammer reißt den Komiker, der sich selbst eher als Volkssänger sah, raus aus dem Grab, in das er 1948 gelegt worden war – an einem Aschermittwoch, was für ein Witz; bitterarm verblichen, aber mit Pomp beerdigt, was für eine Schande. Ammer wirft den Valentin an die Wände der Häuser in der Maxvorstadt und siehe da: das ist nicht nur eine optische Offenbarung, sondern ein Statement. Einen Künstler wie diesen Karl Valentin bräuchte Deutschland auch heute.  Dass Ammer seinen Film mit Musik von David Bowie unterlegt, öffnet uns Augen und Ohren. Dieser Valentin wäre/sollte heute nichts weniger als ein Pop-Star sein.

Wie konnte es nur passieren, dass dieser Valentin zum Unverstandenen wurde?

Wäre er nach Amerika gegangen, das Angebot hatte er, stünde er heute anerkannt in einer Reihe mit Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Doch Valentin blieb hier und lebte ein surreales Künstlerleben in realer Armut. Andreas Ammer zeigt viele Filme aus Valentins Schaffen (er war eine großer Experimentator, vor und hinter der Kamera), darunter ein Werk, das Valentin mit Bertolt Brecht realisierte. Das verstörende Stück hat nach fast hundert Jahren noch immer eine Kraft, die sich vielleicht jetzt erst entfalten kann.

Es ist Zeit, mehr als nur einen Karl-Valentin-Orden zu vergeben. Es gäbe noch viel von Karl Valentin zu entdecken, verspricht Andreas Ammer zum Ende seines begeisternden Dokumentarfilms. Deutschland braucht nicht noch mehr Superstars, aber der bittere, anarchische Humor eines Valentin würde uns richtig gut tun.

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