So war die DOK Premiere von „We are all Detroit”

„Die Opelaner verlassen die Fabrik“

Eine der ersten jemals gefilmten dokumentarischen Arbeiten heißt „Die Arbeiter verlassen die Fabrik“ und stammt von den Gebrüdern Lumière. Darin strömen Arbeiter:innen nach getanem Tagwerk aus dem Fabriktor und zerstreuen sich. Das war 1895. Was macht es mit den Menschen, wenn sie das Werkstor zum letzten Mal verlassen? So geschehen in Detroit und Bochum, wo die Standorte für die Autoproduktion aufgegeben wurden. In den USA zeugen heute bloß noch Ruinen davon, dass General Motors einst die ganze Stadt mit Arbeitsplätzen und Wohlstand versorgte. In Bochum werden die Gebäude abgerissen und ein Logistikzentrum errichtet.

In ihrer Langzeitbeobachtung „We are all Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden“ halten die Ruhrgebiets affinen Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken den industriellen Wandel fest. Behutsam porträtieren sie Menschen, die ihren Heimatorten Detroit und Bochum die Treue halten und neue Perspektiven suchen.

Michael Loeken und Ulrike Franke im Gespräch mit Goggo Gensch bei der DOK Premiere in Stuttgart © Günther Ahner/HDF

Vom Regionalen zum Globalen

In ihrem Dokumentarfilm „Arbeit Heimat Opel“ (2012) stand der letzte Ausbildungsjahrgang von Opel im Mittelpunkt. Am Ende gab es die mediale Berichterstattung über die Schließung des Opelwerks in Bochum. „Da sah man immer diese silbernen Türme der Verwaltung von General Motors am Detroit River. Da haben wir gedacht, wir werden uns jetzt diese Stadt angucken, wo die Entscheidung über die Zukunft von Bochum gefällt worden ist“, sagt Loeken.
In ihren früheren Werken zeigten die Filmschaffenden die Folgen des Strukturwandels immer vor einem regionalen Hintergrund auf. „Aber jetzt war es glaube ich einfach so weit, dass wir den Sprung nach Detroit machen mussten. Dabei haben wir auch unglaublich viel gelernt über Globalisierung, Zusammenhänge, Vernetzung und so weiter,“ so Loeken weiter.

Dreharbeiten: Menschen und Orten Zeit geben

Sieben Jahren arbeiteten Franke und Loeken an ihrem neuen Film, den sie am Ende aus um die 130 Stunden Material kondensierten. Obwohl sie der amerikanische Zollbeamte bei der Passkontrolle mit den Worten „There is nothing to see in Detroit“ begrüßte, verliebten sich die beiden unmittelbar in die Stadt.

Ihre Protagonist:innen finden Sie auf verschiedenen Wegen: durch Kontakte, Recherchen oder Zufall. „Wir bauen immer eine ganz tiefe Beziehung auf. Teils braucht es Jahre, bis sich die Menschen öffnen. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit: Wir geben von uns natürlich auch ein Stück weit her. Manchmal hat man aber auch Glück und es reicht eine Fünfminutenbegegnung“, beschreibt Franke ihre Erfahrungen. Dabei arbeitet das kleine Filmteam sehr minimalistisch: Sie kommen ganz ohne Kommentar oder Erklärungen aus. So kann man sich ganz auf die Bilder, die Töne und die Gesten der Menschen vor der Kamera konzentrieren.

Michael Loeken und Ulrike Franke mit Goggo Gensch (links) und mit Kay Hoffmann (rechts) © Günther Ahner/Maggie Schnaudt

„Die Realität schreibt das beste Drehbuch“

Kommen sie in einen neuen Ort, lassen sie diesen erst einmal auf sich wirken und schauen, wem sie dort begegnen. Loeken sagt: „Darauf folgen manchmal Momente, in denen man Leute kennenlernt, wo man denkt: Da könnte eine Beziehung entstehen, die im Endeffekt etwas Wahrhaftiges für den Film bringt und wo die Leute sich trauen, ein Stück weit ihr Innerstes nach außen zu kehren. Das ist uns unglaublich wichtig.“

Bei „We are all Detroit“ war es ihnen wichtig, Bochum und Detroit nicht direkt miteinander zu vergleichen. Vielmehr sollte es eine korrespondierende Erzählung werden. Durch ihre ergebnisoffene Arbeitsmethode geben sie ihren Protagonist:innen eine Chance, sich von ganz allein zu entfalten. Franke beschreibt ihre Vorgehensweise so: „Am Anfang steht ein Gefühl und damit begeben wir uns auf eine Reise mit unbekanntem Ausgang. Erst später wird die Symbolkraft vieler Dinge klar.“ Für den WDR als Koproduzenten war der Film in dieser Form zu sperrig und die Fernsehfassung wird sich sehr von der Kinofassung unterscheiden.

Filmstills aus WE ARE ALL DETROIT © filmproduktion loekenfranke

Die Menschen machen den Unterschied

Loeken: „Wir erleben eine Achterbahnfahrt der Gefühle, seitdem wir uns mit dem Thema Strukturwandel beschäftigen. Aber es gibt für uns auch eine Konstante: nämlich die Menschen, die durch das Formulieren ihrer Träume, ihrer Wünsche, ihrer Sorgen eigentlich den Schlüssel in der Hand halten, in welche Richtung die Entwicklung sich abspielen sollte.“

Der Dokumentarfilm wurde von der Deutschen Film- und Medienbewertung mit dem Prädikat „Besonders Wertvoll“ ausgezeichnet und lief bereits auf mehreren Filmfestivals, beispielsweise der Duisburger Filmwoche 2021. Nun ist er neben „The Other Side of the River“ von Antonia Kilian und „Wem gehört mein Dorf?“ von Christoph Eder für den hochdotierten Deutschen Filmpreis in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert. Die Lolas werden am 24. Juni in Berlin vergeben.

Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Filmreihe. Sie präsentiert einmal im Monat in Ludwigsburg und Stuttgart aktuelle Kinostarts von Dokumentarfilmen. Die jeweiligen Filmschaffenden sind für Werkstattgespräche mit dem Publikum vor Ort. Kuratoren sind Goggo Gensch (Stuttgart) und Kay Hoffmann (Ludwigsburg). 

„We are all Detroit“ von Ulrike Franken und Michael Loeken  war am 17. März 2022 im Delphi Arthaus Kino Stuttgart 18. März 2022 im Caligari Kino Ludwigsburg zu sehen.

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