Scala Adieu Douglas Wolfsperger Eva Mattes Foto von Katrin Zeidler

»Scala Adieu – von Windeln verweht« von Douglas Wolfsperger

17.4.2019, 19.30 Uhr, Kino Caligari Ludwigsburg

Kartenreservierung:

www.kinokult.de

Eine Stadt, ein Kino und ein Abschied wider Willen. In Konstanz, der »Perle am Bodensee«, eröffnete 2017 die fünfte dm-Filiale, der größten Drogeriemarktkette Europas. Denn die Geschäfte laufen – auch dank der Nähe zur Schweiz – exzeptionell.

Konsumtouristen decken sich mit Windeln, Klopapier und Zahnpasta ein. Bis Ende 2016 waren diese Räumlichkeiten den Perlen der Filmkultur vorbehalten, die im Programmkino ‚Scala Filmpalast‘ präsentiert wurden.

Für den Regisseur Douglas Wolfsperger war es der magische Ort der Kinosozialisation wie auch für die vielen Stammgäste, die zu Wort kommen. Als Wolfsperger mit den Dreharbeiten beginnt, ist der Bürgerprotest gegen die Schließung in vollem Gange. Er wird Zeuge eines letzten Aufbäumens eines sterbenden Programmkinos, das Bedeutung hatte für die gesamte Bodensee-Region. Er spricht mit glühenden Filmenthusiasten und nüchternen Stadtverwaltern über Schwund und Expansion, Lustgewinn und Handelszuwächsen, undurchsichtigen Interessen und günstigen Geschäftslagen. Innenstädte und Kulturbegriffe ändern sich, in Konstanz und anderswo. Aber wer bestimmt die Stadtentwicklung? Wer profitiert davon? Und wer gehört zu den Verlierern dieser Entwicklung? Wird die Filmkultur kommerziellen Interessen geopfert?

Während die engagierten Filmfreunde für ihr Kino kämpfen, werden woanders Fakten geschaffen. Der Scala Filmpalast hat schon glücklichere Tage gehabt – vor allem mit mehr Besuchern. Auf der anderen Seite hatte er in Konstanz und Umgebung eine wichtige kulturelle und soziale Funktion. Doch der Mietvertrag des Scala läuft ohne große Gegenwehr aus. Der jetzige Betreiber liebäugelt mit einträglicheren Geschäftsfeldern und will sich auf sein kommerzielles Kinozentrum konzentrieren. Der Gemeinderat setzt sich über Unterschriftenlisten der Bürgerinnen und Bürger und über baurechtliche Änderungsanträge hinweg, weil beste Lagen denen gehören, die sie sich leisten können. Der Oberbürgermeister kommentiert die Entwicklung nüchtern: »Städte verändern sich. Wer hier lebt, hat Glück«.

Begehungen und Betrachtungen der Stadtlandschaft, Gespräche mit Filmverrückten und bestechend vernünftigen Kommunalpolitikern, lautes Nachdenken über den Kulturbegriff. Darüber, wer ihn bestimmt und wem er nützt. Sie alle zeigen das Ausmaß eines Wandels, der über ein sterbendes Kino hinweg tief in das Gesicht der Stadt eingreift – bis es anderen Gesichtern zum Verwechseln ähnelt.

Douglas Wolfsperger ist einer der wichtigsten Dokumentarfilmer aus dem Südwesten. In »Bellaria – So lange wir leben!« (2002) setzte er schon einmal einem Wiener Kino ein Denkmal, das Klassiker der Filmgeschichte zeigte. Mit »Die Blutritter« zeigte er in großen Bildern die Tradition der Reiterprozession in Weingarten. In »Der lange Weg ans Licht« (2006) begleitete er eine ostdeutsche Hebamme zwischen ihrer Heimat und Afrika. In seinem bisher persönlichsten Film »Der entsorgte Vater« (2008) ging es um das Sorgerecht für seine beiden Kinder. Als DOK Premiere lief bereits sein »Wiedersehen in Brundibar« (2014) über ein Berliner Theaterprojekt in Theresienstadt.

»Scala Adieu – von Windeln verweht« gewann bei den Biberacher Filmfestspielen den Doku-Biber als Bester Dokumentarfilm. In der Jurybegründung heißt es: »Uns hat überzeugt, wie aus einem vermeintlichen Heimatfilm ein Krimi wird, der ein überregionales Phänomen beschreibt und einen sich sozial gebenden Unternehmer enttarnt. Und das auf eine witzige und freche Art. Konstanz, das vom Zweiten Weltkrieg verschont blieb, wird nun vom Kommerz zerstört. Ein Beispiel, das auch für viele Innenstädte Deutschlands gilt.«

Der Film wird am 17. April um 19.30 Uhr als DOK Premiere im Kino Caligari in Ludwigsburg gezeigt. Im Anschluss an die Vorführung wird es ein Filmgespräch geben mit Douglas Wolfsperger und Kay Hoffmann (Haus des Dokumentarfilms) sowie Prof. Carl Bergengruen von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und Horst Fischer (Architektenkammer BW – Kammergruppe Ludwigsburg) über Stadtentwicklung und Stadtplanung und die Zukunft der Kinos.

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
Facebook
Twitter

Dies könnte Sie auch interessieren:

DOK Premiere »Scala Adieu – Von Windeln verweht«

In dem aktuellen Dokumentarfilm von Douglas Wolfsperger geht es um das Ende des Programmkinos Scala in Konstanz. Es war eines der wichtigen Programmkinos in Deutschland und prägte mit seinem engagierten Programm nicht nur den in Konstanz aufgewachsenen Regisseur, sondern ganze Generationen von Kinobesuchern.

Nordische Filmtage Lübeck – »Von Spionen und der Faszination von Natur«

Die 61. Nordischen Filmtage Lübeck bewiesen einmal mehr, das zentrale Festival für skandinavische Filme und Produktionen aus dem Baltikum und Norddeutschland zu sein. 

»Deutschland von oben«

Die von der ZDF-Redaktion Terra X und der Produktionsfirma Colourfield erfundene Dokumentations-Serie »Deutschland von oben« hat - das darf man wortwörtlich nehmen - unseren Blick verändert. Heute gehören die Bilder aus der Luft auf die Welt da unten zu jeder Naturdoku. Und zugleich scheinen die Filme »von oben« auserzählt. Doch auch wenn die Vogelperspektive inzwischen ein bisschen überstrapaziert wird, haben die Bilder noch eine ganz besondere Magie. In der ZDF-Mediathek sind noch einige der Folgen der langlebigen Serie als Videostream online abrufbar. Auch wenn die Geschichten aus der Vogelperspektive auserzählt scheinen, haben sie doch einen noch immer besonderen Reiz.

»Die Geiseln von Mogadischu«

»Eine Linienmaschine der Deutschen Lufthansa ist seit spätem Nachmittag in der Hand von Entführern.« So beginnt am 13. Oktober 1977 die Tagesschau. Der Deutsche Herbst hat seinen Siedepunkt erreicht. 91 Menschen sind in der Hand der Entführer. Fünf Tage später werden sie in Mogadischu befreit. Die SWR-Dokumentation »Die Geiseln von Mogadischu« versucht vor allem aufzuzeigen, was dies für die Überlebenden dieses Terroraktes bedeutet. Der Film ist bis zum 9. Oktober 2018 in der Mediathek von Das Erste abrufbar.