Werner Herzog © Kay Hoffmann/ HDF

Werner Herzog: ein Mann zwischen Genie und Obsession

Jagd nach dem Authentischen

Bekannt wurde er vor allem mit seinen Spielfilmen, die oft sehr authentisch an Originalschauplätzen gedreht wurden. Herzog war nie ein Regisseur, der im Studio drehte. Erinnert sei an seine Klassiker wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972), „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) oder “Fitzcarraldo“ (1982), bei denen er seine Schauspieler:innen realen Situationen aussetzte.

Sein besonderes Verhältnis zum exaltierten Klaus Kinski hat er in dem Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ (1999) gewürdigt. „Vor vier Jahrzehnten habe ich den letzten Film mit ihm gemacht. Er gehört zu meiner Vorgeschichte. Wir glaubten an Konflikte und erreichten Dinge von großer Intensität. Es war eine einzigartige Erfahrung und ich bereue nichts“, so Herzog.

Karriere als Dokumentarfilmer

In Deutschland ist er besonders mit diesen Filmen bekannt und wurde wegen seines Umgangs mit seinen Protagonisten heftig attackiert. Inzwischen hat er über 60 Filme realisiert, darunter seit den 1990er Jahren vor allem Dokumentarfilme, die sich schon zu seinen filmischen Anfängen in den 1960er Jahren im Grenzbereich zwischen Fakt und Fiktion bewegten. Er ist ein überzeugter Grenzgänger, der mit Regeln brechen will, wofür er international bekannt ist und geachtet wird. Er verwendet gerne poetische Bilder und Mythen und nimmt in seinen Filmen Bezug darauf.

Werner Herzog
Werner Herzog © SWR

Mitte der 1990er Jahre wanderte er nach Kalifornien aus, wo er bis heute lebt. In den USA genießt er mit seinem deutschen Akzent Kultstatus, wird parodiert und lieh dreimal seine Stimme für die Serie „Simpsons“. Seine Arbeit wurde dort wesentlich stärker anerkannt als in Deutschland. Als er 2010 den Juryvorsitz der Berlinale übernahm und er seinen Vorlass an die Deutsche Kinemathek abgab, wurde auch hier das Interesse neu geweckt und er erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise.

Faszination Vulkan

In seinen Dokumentarfilmen widmet er sich häufig der Natur, dem Schicksal der Menschen und ihrem Verhältnis zum Tier. In seinem Kurzfilm „La Soufrière – Warten auf eine unausweichliche Katastrophe“ fährt er mit seinem Team auf eine schon verlassene Insel, auf der ein Vulkan ausbrechen soll. Die Aufnahmen werden dramatisiert, denn der Ausbruch bleibt aus.

Das Thema Vulkan beschäftigt ihn jedoch bis heute. 2016 porträtierte er einen englischen Vulkanologen im Dokumentarfilm „Inside the Vulcano: A Journey to Depths of Hell“ („In den Tiefen des Infernos“), den er bei Netflix veröffentlichte. Im Moment arbeitet er an einem Film über zwei französische Geologen, die 1991 bei einem Ausbruch getötet wurden. „Weder Dokumentation, noch Fiktion“, verspricht Herzog.

Ästhetik des Untergangs

Im Zweiten Golfkrieg setzten die Iraker 1991 in Kuwait beim Rückzug die Ölquellen in Brand. Werner Herzog ließ diese unermessliche Katastrophe und den Kampf gegen die Flammen vom Hubschrauber aus dokumentieren. Er unterlegte die Eindrücke eines zerstörten Landes mit schwermütiger klassischer Musik.

„Sechzig Minuten lang gibt es nicht ein einziges Bild, wo wir unseren Planeten noch wiedererkennen. Da ist eine Landschaft, die nicht mehr bewohnbar ist und jede Würde verloren hat“, wie Herzog es in einem Gespräch mit Edgar Reitz formulierte. Bei der Uraufführung im Forum der Berlinale verstörte „Lektionen in Finsternis“ das Publikum und ihm wurde eine Ästhetisierung des Leids vorgeworfen.

Großes Ansehen für ausgezeichnete Dokumentarfilme

Internationale Anerkennung erhielt Herzog 2005 für „Grizzly Man“, einem sehr inszenierten Dokumentarfilm, bei dem er das Filmmaterial des TierschützersTimothy Treadwell verwendete, der zusammen mit seiner Frau von einem Bären getötet wurde. Der New Yorker Filmkritikerverband zeichnete ihn zusammen mit Herzogs „White Diamond“ als beste Dokumentarfilme des Jahres aus. Darin geht es um die Erforschung des Dschungels mit einem Luftschiff. 1993 war damit der deutsche Naturfilmer Götz Dieter Plage auf Sumatra tödlich abgestürzt. Dieser Film war Thema beim ersten Branchentreff DOKVILLE 2005 in Ludwigsburg und wird am Freitag, den 24. Juni 2022, beim SWR Doku Festival gezeigt.

Offen für neue Technik

„Die Höhle der vergessenen Träume“ (2010) war Werner Herzogs erster Dokumentarfilm in 3D. Es geht um Höhlenmalereien in der südfranzösischen Chauvet-Höhle, die etwa 30.000 Jahre vor Christus entstanden sind. An wenigen Tagen durften sie zu dritt diese Kunstwerke dokumentieren, die sonst nicht zugänglich sind. Herzog reflektiert zugleich über die Entwicklung der Menschheit und ob Vorfahren der Albino-Krokodile im nahen Tierpark vielleicht noch Dinosaurier gesehen hätten. Viel diskutiert und für einige eher enttäuschend war „Gorbatschow – Eine Begegnung“, der 2018 DOK Leipzig eröffnete. Zu wenig hinterfragt er die Erzählungen des ehemaligen Kremlchefs und dessen Weltbild. 

Herzog Eröffnung Dok Leipzig
Werner Herzog bei der Eröffnung der Dok Leipzig 2018 © Kay Hoffmann/ HDF

Herzog vergibt Filmpreis und hält Seminare

Werner Herzog hat sowohl in Deutschland als auch in den USA gearbeitet, sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Kino. Dabei ist es ihm gelungen, weitestgehend die Kontrolle über seine Produktionen zu behalten. Bei der Masterclass beim DOK Fest Leipzig 2018 äußerte er sich euphorisch über die Digitalisierung.

Ein Dokumentarfilm könne heute für 1000 € gedreht werden. Inzwischen drehe er seine Filme selber und denke sich dann Pseudonyme für den Kameracredit aus. Wenn man eine gute Idee habe, sollte man daran gegen alle Widerstände festhalten, ermutigte er seine rund 500 Zuhörer:innen. Sie sollten positiv in die Zukunft schauen.

Seit 2016 vergibt Herzog selbst den Werner Herzog Filmpreis. Die Kandidaten sollten Mut, Entschlossenheit und Visionen mitbringen. Und er gibt Seminare: „Meine Schüler werden in zehn Tagen mehr lernen als in fünf Jahren an einer Filmhochschule“, ist Werner Herzog überzeugt. Nun erhält der Regisseur den Ehrenpreis vom SWR Doku Festival und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG). Er folgt damit Georg Stefan Troller, der 2021 die erste Auszeichnung für sein Lebenswerk erhielt.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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