Filmstill Koenig hoert auf

DOK Leipzig nimmt Familiengeschichten in den Fokus

Ein streitbarer Kämpfer

So widmet sich Regisseur Tilman König seinem Vater Lothar König, der sich als Jugendpfarrer in der DDR für die Opposition stark machte und von der Stasi beschattet wurde. Auch nach der Wende engagierte er sich in Umweltgruppen und kämpfte ganz direkt gegen Neo-Nazis. In „König hört auf“ geht es um die Monate direkt vor seiner Pensionierung. Die Geschichte seines politischen Engagements, mit dem er in der Kirche und dem Staat durchaus aneckte, werden in dem Film erzählt. Tilman König konzentriert sich auf den Alltag seines Vaters heute, drehte an 60 Tagen 100 Stunden Material. Lothar König raucht Kette, betreut weiterhin die Jugendarbeit seiner Gemeinde in Jena mit Konzerten und organisiert Fußballtrainings für Flüchtlinge. Der Regisseur bleibt auf Distanz. Es gibt Gespräche zwischen den beiden als Audiospur. Im Ruhestand zieht er aufs Land, wo er sich natürlich politisch engagiert. Beim Filmgespräch nach der Vorführung wird deutlich, dass der Vater König kein einfacher Protagonist ist. Er weicht den konkreten Fragen oft in einer trotzigen Art aus, möchte eigentlich nur eine rauchen. Sein Kommentar zum Film: „Im Großen und Ganzen komme ich mit dem Film gut zurecht, wobei ich mir einiges deutlicher gewünscht hätte zum katastrophalen Zustand der Erde“. Sein Sohn hat ein neues Projekt in Japan und war bei der Premiere in Leipzig selbst gar nicht anwesend.

Eine emotional berührende Auseinandersetzung

Im Gegensatz dazu setzt sich Emma van den Berg in „Why my Mum loves Russell Crowe“ ganz direkt mit ihrer Mutter auseinander, die mehrfach vergewaltigt wurde. Darüber wurde in der Familie lange nicht gesprochen. Die Regisseurin lädt Freundinnen ihrer alleinerziehenden Mutter ein. Durch diese offene Gesprächsatmosphäre gelingt es ihr, ihre Mutter zum Sprechen zu bringen. Es fließen viele Tränen. Es ist ein wichtiger Film darüber, wie Themen über sexuelle Belästigung und Vergewaltigung über Jahrzehnte verschwiegen wurden.

Kulturrevolution in China

Filmstill Silver Bird and Rainbow FishDie eigene Familiengeschichte vor dem Hintergrund der turbulenten Mao-Jahre in China erzählt der Regisseur Lei Lei in „Silver Bird and Rainbow Fish“. Dafür wählt er die Form des Animationsfilms mit einer bunten Collage aus Fotos, Postkarten, Propagandabildern und -filmen und bunten Knetfiguren. Auf der Tonspur sind Gespräche mit seinem Vater und Großvater zu hören, was auf Dauer etwas anstrengend ist. Visuell ist der Film originell gestaltet und eine wichtige Auseinandersetzung mit einem Land im Umbruch.

Vertreibung der Armenier

Filmstill ArmatEbenfalls die Form einer bunten Animation wählt Élodie Dermange für ihren Kurzfilm „Armat“, um sich auf Spurensuche ihrer eigenen armenischen Wurzeln zu begeben. Grundlage sind Gespräche mit ihren männlichen Verwandten, die ihr die dramatische Familiengeschichte der Flucht und des Ankommens in einer neuen Heimat erzählen. Die Erlebnisse setzt sie symbolträchtig um: Mit einem Schrank, bei dem sich immer wieder Schubladen öffnen oder dem Granatapfel als Symbol des Genozids an den Armeniern.

Familie dreht sich um den Vater

Der Vater steht im Mittelpunkt von Corine Shawis „Perhaps what I fear does not exist“. Nach einer plötzlichen Lähmung verbringt er vier Jahre in Krankenhäusern in Beirut, wo das Krankenhauspersonal versucht die Ursachen zu ergründen und ihn zu kurieren. Das Familienleben verlagert sich an das Krankenbett und ermöglicht der Regisseurin eine Bestandsaufnahme ihrer Beziehung zu den Eltern und ihren Geschwistern.

Mütter verdienen das Familieneinkommen

Nach dem Zerfall der Sowjetunion gingen viele Mütter aus Moldawien nach Westeuropa, um zu arbeiten. Sie schickten Geld und Geschenke zurück und bekamen Videos mit dem Alltag der Zurückgebliebenen und Grüßen ihrer Kinder. Otilia Babara nutzt in „Love is not an Orange“ dieses unscharfe Material, um die jahrelange Zerrissenheit der Familien zeigen. Die Kinder werden älter und der Kontakt zur Mutter zerfällt. Der Film fordert das Durchhaltevermögen des Publikums heraus, da den Amateurfilmer:innen ein professionelles Gespür für gut gesetzte Bilder leider abgeht. Eine Einordnung des Materials wäre wichtig gewesen, um dem Publikum einen größeren gesellschaftlichen Kontext vor Augen zu führen.

Müllentsorgung global

Filmstill Matter Out of PlaceEiner der stärksten Filme des Internationalen Wettbewerbs ist Nikolaus Geyhalters „Matter out of Place“, den er in fünf Jahren entwickelte. Er wählt eine völlig andere visuelle Herangehensweise. Mit genau ausgewählten, statischen und langen Einstellungen gibt er dem Publikum die Möglichkeit, selbst in die Bilder einzutauchen und Details zu entdecken. Er verzichtet auf Kommentar, hebt das Sounddesign immens hervor. Geyrhalter sagte im Gespräch: „Wir haben auch Interviews aufgenommen, doch im Schnitt stellte sich heraus, dass sie im Film nicht funktionierten.” Es geht um Überbleibsel und Verschmutzungen in der Landschaft. Der Müll erreicht die entlegensten Regionen. Thematisiert wird die Entsorgung in verschiedensten Ländern, ob nun in einem Bergdorf in der Schweiz, Müll im Mittelmeer in Griechenland oder Müllkippen im Nepal. Klar wird, dass man die menschlichen Überreste nicht so schnell los wird und sie sich auf Deponien noch nach Jahrzehnten nicht zersetzen. Ein wichtiges Thema, das visuell herausragend umgesetzt wurde.

Die Taube fliegt wieder

Das diesjährige DOK Leipzig Logo mit dem Schlüssel ist offen für alle möglichen Interpretationen, lässt sich aber nur schwer entschlüsseln. Dafür ist der Trailer diesmal sehr gelungen. Er greift das Motiv der Friedenstaube auf, dass Pablo Picasso einst dem Festival zur Verfügung gestellt hatte. Die Preise in den Hauptwettbewerben sind ebenfaslls stilisierte Tauben. Der Trailer als Animationsfilm enthält die Taube als zentrales Motiv. Sie ist gezeichnet und fotografiert und wird zu einem dreidimensionalen Objekt, bevor sie digital auf dem Computerschirm fliegt. In der zweiten Hälfte zeigt ein Making off, wie der Trailer in Stop Motion Technik entstand.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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