das Rote Imperium Filmstill

Die Geschichte der Sowjetunion in einer dreiteiligen Doku

Der Sowjet-Mensch sei ein äußerst belastbares Wesen. Nicht etwa, weil er Leiden besonders gut ertragen könne, sondern weil er es verstehe, alles so einzurichten, dass nicht er selbst leiden muss, sondern die anderen. So die schonungslose Beschreibung seiner Landsleute durch Nikita Petrow, den stellvertretenden Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation Memorial.
Dieses Urteil des Historikers Petrow ist der erste O-Ton, der in der historischen Doku „Das Rote Imperium“ von Jürgen Ast und Martin Hübner zu hören ist. In drei je 52 Minuten langen Teilen zeichnet diese den Aufstieg und Fall der Sowjetunion nach.

Industrialisierung und Zwangskollektivierung

Das Rote Imperium FilmstillDer erste Teil von „Das Rote Imperium“ widmet sich der erzwungenen Industrialisierung ab der Gründung der UdSSR im Jahre 1922 bis zu ihrem Überfall auf Polen 1939. Teil zwei behandelt die Jahre zwischen dem Kriegseintritt 1941 und dem Ende der 1960er Jahre, als die UdSSR den Wettlauf ins All verlor. Der dritte Teil schließlich widmet sich dem langsamen Zerfall der Union in den 1970er und 80er Jahren bis zu ihrer endgültigen Auflösung 1991.
Schon der erste Teil macht den Fokus von „Das Rote Imperium“ ersichtlich: Im Zentrum der Betrachtung steht die Lenkung des Staates durch das Zentralkomitee sowie die Konflikte zwischen Bevölkerung und Politik, die daraus erwachsen.

Die prominente Positionierung von Petrows vernichtendem Urteil gleich am Anfang der Dokumentarfilmreihe stimmt dabei auf die grundlegend negative Haltung ein, die diese Betrachtung einnimmt. Die Sowjetunion wird als ein Konstrukt gezeichnet, das stets zu viel wollte und dabei über die Leichen der eigenen Bevölkerung gegangen ist – sei es bei der Unterdrückung kritischer Meinungen oder bei der Vorgabe nicht erfüllbarer Pläne für Industrie und Landwirtschaft.

Die Mechanismen eines untergehenden Imperiums

Erzählt wird dieses historische Drama in drei Akten mit der üblichen Kombination von Archivmaterial mit Off-Kommentar einerseits und O-Tönen aus Experteninterviews andererseits. Zu Wort kommen zahlreiche Historiker wie Klaus Gestwa, Matthias Uhl oder Alexander Watlin, aber auch Politiker:innen und Künstler:innen.
Neben der Verwendung von dokumentarischem Archivmaterial ist der Einsatz von Ausschnitten aus Propagandafilmen beachtenswert. Hier werden nur Werke verwendet, denen eine unfreiwillige Komik innewohnt. Künstlerisch anerkannte Propagandafilme, wie die von Sergei Eisenstein, finden jedoch keine Erwähnung. Das hinterlässt den Eindruck, dass die positiven Errungenschaften der Sowjetunion zugunsten der erwähnten negativen Perspektive außen vor gelassen worden sind. Dennoch bieten Jürgen Ast und Martin Hübner mit ihrer Dokureihe einen informativen Einblick in die inneren Mechanismen eines untergegangenen Imperiums.

„Das Rote Imperium“ ist eine Produktion von astfilm productions im Auftrag von MDR und RBB in Zusammenarbeit mit Arte.
Die Erstausstrahlung aller drei Teile ist am 25.10.2022 ab 20:15 Uhr auf Arte. Die Dokureihe ist vom 18.10.2022 bis zum 17.10.2023 in der Arte Mediathek verfügbar.

(Daniel Schindler)

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