Kay Hoffmann und Jens Meurer DOK Premiere Seaside Special

So war die DOK Premiere von SEASIDE SPECIAL

Jens Meurers Dokumentarfilm SEASIDE SPECIAL ist eine Hommage an die Gemeinschaft und ans Analoge. Bei der DOK Premiere vom Haus des Dokumentarfilms sprach der Regisseur über das Filmemachen, den Brexit und das Einig-sein im Uneins-sein.

Der Brexit und seine Folgen

Der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs, kurz Brexit, hat nicht nur das Inselvolk seit dem EU-Mitgliedschaftsreferendum 2016 tief gespalten. Brexit-Befürworter wie Boris Johnson wetterten gegen die etablierte Politik und machten haltlose Versprechungen, was die Debatte zusätzlich befeuerte. Auch viele Europäer:innen außerhalb Großbritanniens reagierten mit Unverständnis, Fragen und auseinanderdriftenden Meinungen auf das kontrovers diskutierte Thema. Am 31. Januar 2020 trat der Brexit schließlich in Kraft. Seitdem ist die Insel nicht mehr nur physisch, sondern auch politisch von Europa getrennt.

Jens Meurers Dokumentarfilm SEASIDE SPECIAL – EIN LIEBESBRIEF AN GROßBRITANNIEN greift genau das auf. „Ich wollte einen Gegenentwurf zu all der Spaltung und Trennung schaffen, die vor allem durch den Populismus auf uns niederprasselt“, so der Filmemacher bei der DOK Premiere vom Haus des Dokumentarfilms. „Ich wollte zeigen, wie schön es ist, wenn man vernünftig miteinander umgeht.“

Jens Meurer DOK Premiere Seaside Special
DOK Premiere Seaside Special
Jens Meurer (l.) und Goggo Gensch (r.) bei der DOK Premiere im Delphi Arthaus Kino Stuttgart © Günther Ahner/Salome Hanselmann/HDF

SEASIDE SPECIAL ist ein Liebesbrief an Großbritannien

Dies ist ihm gelungen: Jens Meurers SEASIDE SPECIAL ist ein Appell an die Liebe, die Menschen als Gemeinschaft, trotz aller Unterschiedlichkeit, miteinander vereinen soll. Der Film ist während einjähriger Dreharbeiten im englischen Badeort Cromer, im Norden von Norfolk, entstanden und begleitetet die traditionelle „End-of-the-Pier-Show“ auf dem Nordsee-Pier. Sie ist die letzte Varieté-Show ihrer Art. Der Dokumentarfilm nähert sich nicht nur den Künstler:innen, sondern auch den Einwohner:innen von Cromer. Dabei werden ihre Haltung, Werte und Eigenheiten sichtbar.

Trennungen tun weh

Meurer zeigt durch seine Protagonist:innen, wie unterschiedlich Brit:innen mit dem Brexit umgehen, oft ohne unmittelbar darüber zu sprechen. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die zufrieden damit sind und für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben. So beispielsweise ein Krabbenfischer, der auf seinem Boot erklärt, dass Großbritannien eine rosige Zukunft ohne die EU bevorstünde. Sein Land schaffe das, es trage schließlich nicht umsonst das Prädikat „Great“ in Great Britain. Auf der anderen Seite fragen sich diejenigen, die dagegen waren, wo Sinn und Zweckmäßigkeit einer solchen Abtrennung ihres Landes liegen sollen. Ein Protagonist erklärt, dass seine Schwiegereltern gerade zu Besuch sind. Er weiß, dass sie anders gewählt und für den Brexit gestimmt haben. Aber er erkennt auch, dass er trotzdem mit ihnen auskommen muss, denn es sind immer noch seine Schwiegereltern. Auch Meurer merkt an: „Es ist nicht schlimm, wenn man anderer Meinung ist. Man kann auch gemeinsam anderer Meinung sein. Das ist es, was man an diesem Ort so gespürt hat.“

Kay Hoffmann und Jens Meurer DOK Premiere
Kay Hoffmann (.l) vom Haus des Dokumentarfilms und Jens Meurer (r.) bei der DOK Premiere im Caligari Kino Ludwigsburg © Günther Ahner/HDF

Auch im Seaside Varieté kommen viele unterschiedliche Menschen zusammen, seien es Zuschauer:innen oder das Show-Team. Die Darsteller:innen, Sänger:innen und Tänzer:innen arbeiten und leben mehrere Monate eng zusammen. Sie sind allesamt schillernde Persönlichkeiten mit viel Charisma. In den Sommermonaten spielen sie drei Monate lang zwei Shows pro Tag und leben die Gemeinschaft. Beim Publikumsgespräch nach der DOK Premiere erzählt Meurer, dass es natürlich auch unter den Darsteller:innen der Seaside Special-Show auseinanderdriftende politische Ansichten gab. „Doch egal, wie sie sich entschieden haben: Im Film respektieren alle die andere Seite. Das ist das Schöne.“ Am Ende eines Tages seien alle trotz kontroverser Haltungen gemeinsam am Tisch gesessen und hätten über den Beruf und gemeinsame Leidenschaften gesprochen.

Die Leichtigkeit des britischen Humors

Während der Filmprojektion ging immer wieder ein leises Lachen und Giggeln durch den Kinosaal. Denn Meurers Beobachtung ist unterhaltsam und witzig, trotz des sehr politischen Themas, das der Film mit sich bringt. Der britische Humor brilliert mit seiner bekannt trockenen Art und verzaubert nicht nur die im Film gezeigten Zuschauer:innen der Show in Cromer, sondern auch das DOK Premiere-Publikum. Es ist vor allem der britische Comedian und SEASIDE SPECIAL-Protagonist, Paul Eastwood, der die Besucher:innen gleichermaßen im Varieté wie im Kino mitreißt.

DOK Premiere Stuttgart Seaside Special„Eine Hommage an die Gemeinschaft und ans Analoge“

Meurer und sein Team haben analog auf 16mm gedreht. Im Delphi Arthaus Kino Stuttgart lief eine 35mm-Kopie, ein sogenanntes Blow Up (das Caligari Ludwigsburg zeigte die digitale Kopie). Pro Tag standen ihnen vier bis sechs Filmrollen zur Verfügung, was etwas mehr als einer Stunde entspricht. So bestand gar nicht die Möglichkeit viel Filmmaterial anzusammeln. Auf den letzten Zentimetern des Films sieht man kleinere Schrammen auf der Leinwand. „Da war die Rolle zu Ende. Ein gutes Zeichen aufzuhören“, betont Meurer.

Die analoge Technik ist Meurer ungemein wichtig, wie schon im vorherigen Dokumentarfilm AN IMPOSSIBLE PROJECT spürbar war. Dieser wurde ebenfalls als DOK Premiere gezeigt. Auf echtem Film zu drehen ist für den Regisseur nicht nur befreiend, sondern auch der Gegenpol zum Digitalen, wie zum Beispiel den Sozialen Netzwerken. „Diese funktionieren gut darin, uns auseinander zu bringen.“ Er fängt mit der Kamera ein, wie die Menschen im ostenglischen Seebad Cromer und auch in der Show miteinander umgehen, wie sie sich trotz Unterschiedlichkeit tolerieren und wertschätzen.

Zauber des direkten Kontakts

Nicht nur Meurers Art zu Drehen ist analog, sondern auch das SEASIDE SPECIAL an sich: „Die Show läuft zweimal am Tag für jeweils 500 Zuschauer:innen. Das ist ein nahes Miteinander, man kann nicht mehr auf Abstand gehen, weil alles dort so eng und klein ist. Nichts ist verdeckt mit digitalen Effekten oder Showtricksereien. Es ist echt, das Tanzen, Singen und die Witze, die erzählt werden. Mitreißend und gesund. Das würde ich schon analog nennen“, erklärt Meurer.

Deutsch-belgische Koproduktion

Paradoxer- oder vielleicht verständlicherweise fanden sich keine britischen Koproduktionspartner für Meurers Film. „Cromer? Haben wir noch nie gehört“, sollen die Worte der BBC gewesen sein, schildert Meurer. Auch ihre Begeisterung darüber, dass ausgerechnet ein Deutscher einen Film über die Brit:innen und auch noch über den Brexit machen sollte, hielt sich in Grenzen.

Letztendlich wollten Belgier:innen mitmachen, woraus schließlich eine belgisch-deutsche Koproduktion in Zusammenarbeit mit dem WDR entstanden ist. Der belgische Förderer Beglian Tax-Shelter sowie zwei deutsche Förderer, die Filmförderungsansanstalt (FFA) und das Staatsministerium für Kultur und Medien (BKM), waren an der Produktion beteiligt.

DOK Premiere Seaside Special Mit Hingabe und Herzblut gedreht

Selbst die Seaside- und Filmprotagonist:innen waren zu Beginn des Drehs skeptisch, wie Meurer bei der DOK Premiere berichtet. Mit seinem Team war er der Erste, der einen Film über die Show und ihre Hintergründe gemacht hat. Doch im Laufe der Dreharbeiten haben sie gemerkt, dass sich der Regisseur und sein Filmteam große Mühe geben und mit Leidenschaft dabei sind – sie wurden Teil der „Familie“. „Das schweißt dich zusammen. Am Ende des Jahres gehörten wir quasi auch zum Inventar der Show“, so Meurer.

Diese Hingabe spürten nicht nur die Protagonist:innen, sondern auch das DOK Premiere-Publikum. Eine Zuschauerin merkt an, dass sie SEASIDE SPECIAL sehr berührt habe. „Mein Mann ist Brite. Wir haben das alles am eigenen Leib miterlebt, das ganze Leiden, das ganze Hoffen und Bangen bis zur letzten Minute, dass der Brexit noch platzt.” Besonders gut gefiel ihr auch die Einbettung des Konflikts an diesem besonderen Ort in ostenglischen Cromer. Auch die Mitarbeiter:innen vom Haus des Dokumentarfilms waren begeistert.

Meurers Film ist weit mehr als ein Liebesbrief an Großbritannien. Er ist ein Appell an uns Menschen, sich trotz divergierender Meinungen nicht voneinander abzuwenden.

Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Filmreihe. Sie präsentiert einmal im Monat in Ludwigsburg und Stuttgart aktuelle Kinostarts von Dokumentarfilmen. Die jeweiligen Regisseur:innen sind für Werkstattgespräche mit dem Publikum vor Ort. Kuratoren sind Goggo Gensch (Stuttgart) und Kay Hoffmann (Ludwigsburg).

Jens Meurers „Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien” ist eine Produktion von Instant Film und uMedia in Kooperation mit dem WDR. Gefördert von BKM, FFW, DFFF und Belgian Tax-Shelter; im Verleih bei Farbfilm Verleih) war am 6. Dezember 2022 im Delphi Arthaus Kino Stuttgart und am 7. Dezember 2022 im Caligari Kino Ludwigsburg zu sehen. Durch Abend und den Talk mit Jens Meurer führte Goggo Gensch in Stuttgart und Kay Hoffmann in Ludwigsburg.

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Salome Hanselmann
Salome Hanselmann ist als Mitarbeiterin in der Online-Redaktion vom Haus des Dokumentarfilms tätig. Sie schreibt Doku-Tipps fürs lineare TV-Programm, Mediatheken und Streaming-Portale, stellt dokumentarische Podcasts vor und betreut die Social Media Kanäle mit.
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