Foto von Stuttgarter Fernsehturm

„Stuttgart, ich hänge an dir“ – ein Dokumentarfilm von Goggo Gensch

Eine Regel im Storytelling lautet: „Je mehr Emotionen du selbst mitgibst, desto mehr Gefühle kannst du beim Gegenüber hervorrufen.“ Und echte, unverstellte und oftmals sogar ungeschönte Empfindungen gibt es jede Menge im Stadtporträt „Stuttgart, ich hänge an dir“.

Goggo Gensch, ehemaliger Leiter des SWR Doku Festivals und passionierter Kesselbotschafter, zeichnet sein Stadtporträt mit radikaler Subjektivität. Im Film lässt er zahlreiche Weggefährten und Freunde zu Wort kommen, zeigt Ecken zum Lieben und zum Hassen, Altbekanntes und Überraschendes. Schnell wird klar: Stuttgart ist mehr als Kehrwoche, heiligs Blechle und die Großbaustelle, die in kühnen Träumen irgendwann einmal als unterirdischer Vorzeigebahnhof wiedergeboren werden will.

Interview mit Goggo Gensch zu „Stuttgart, ich hänge an dir“

Als Stimmen der schwäbischen Metropole fungieren Joe Bauer, Ulrich Bernhardt, Robin Bischoff, Horst Gaiser, Peter Grohmann, Claudia Kiebele, Klaudia Kacijan, Monica Menez, Peter „Oskar” Müller, Mario Ohno, Petra Olschowski, Erol Papic, Markus Pfrommer, Heike Schiller, Michael Schmidt, Clemens Schneider, Wolfgang Schorlau, Susanne Stiefel, Hilde Weible, Johannes Zeller und natürlich der Filmemacher selbst. Mit Elisa Reznicek vom Haus des Dokumentarfilms hat Goggo Gensch über „Stuttgart, ich hänge an dir“ und seine Beziehung zur Stadt gesprochen.

Porträtbild von Goggo Gensch, dem Macher der Doku
Goggo Gensch wirft einen unverstellten Blick auf Stuttgart (© SWR)

Elisa Reznicek: Im Film wird ein sehr bunter Menschenschlag gezeigt. Wie haben Sie die Personen ausgewählt?

Goggo Gensch: Das ist im Prinzip mein Freundeskreis. Der Kreis, mit dem ich mich so rumtreibe [lacht].

Elisa Reznicek: Und wo treiben Sie sich rum? Im Heusteigviertel?

Goggo Gensch: Ja, überwiegend im Heusteigviertel. Man sieht im Film die verschiedenen Kneipen. Das Vetter Essen & Trinken kommt ausführlich vor, die UHU Bar in der Altstadt oder auch die Weinstube Basta.

Elisa Reznicek: Wenn man von außen auf Stuttgart schaut, sieht man eine urbane Metropole. Alles ist sehr geschäftig, es gibt viele Autos, Baustellen … In den ersten Minuten des Films wird aber deutlich, dass Stuttgart gefühlt irgendwie auch ein Dorf ist.

Goggo Gensch: Ich glaube, das geht einem überall so. Das Viertel, in dem man wohnt, ist für jeden das eigene Dorf. Ich kenne das auch von Berlin, dass Leute, die in Kreuzberg oder Schöneberg wohnen, nie nach Charlottenburg gehen und umgekehrt. Jeder sucht sich in einer größeren Stadt seine Umgebung. Ich würde das also nicht generalisieren. Was im Film gesagt wurde, bezieht sich eher exemplarisch auf das Heusteigviertel.

Elisa Reznicek: Was würden Sie sagen, ist das Urschwäbische an Stuttgart?

Goggo Gensch: Das sich immer noch so eine Art Pietismus gehalten hat. Das ist schon komisch, dass es in einer Stadt, in der über 170 Nationen leben, immer noch eine pietistische Grundhaltung gibt.

Elisa Reznicek: Ist das vielleicht im schwäbischen Naturell an sich angelegt?

Goggo Gensch: Das kann schon sein. Wir leben in einer weitgehend säkularisierten Zeit. Die schwäbischen Werte halten sich trotzdem immer noch, zum Beispiel, dass man fleißig ist. Viele hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich unter der Woche wie ich gerade an den Schlossplatz setzen und ein leckeres Frühstück bestellen. Mir geht’s nicht so [lacht], aber das ist hier durchaus unüblich.

Elisa Reznicek: Am 18.6. läuft der Film im Fernsehen und ist danach in der Mediathek. Die Sendezeit um 23.15 Uhr finde ich persönlich ein bisschen spät für dieses schöne Stadtporträt.

Goggo Gensch: Das ist nun einmal der Dokumentarfilmplatz. Aber ich finde das auch skandalös. [lacht]

Filmstill mit Stadtansicht aus dem Stadtporträt "Stuttgart, ich hänge an Dir"
Stuttgart ist mehr als eine urbane Metropole. Jeder Bewohner entwickelt eine eigene Beziehung zur Stadt (© SWR)

Stadtporträt im Fernsehen, online und im Kino 

Nach seinem Fernsehdebüt am Donnerstag, 18.6.2020 um 23:15 Uhr im SWR, steht „Stuttgart, ich hänge an dir“ ein Jahr lang in der Mediathek zur Verfügung. Und wer weiß: Wenn schon die Premiere auf der großen Leinwand beim SWR Doku Festival Corona-bedingt ausfallen musste, tröstet ein Open-Air-Kinoabend im Sommer.

„Stuttgart, ich hänge an dir“. Ein Dokumentarfilm von Goggo Gensch.

Bildgestaltung: Eva Gensch Montage: Antje Kremling Ton und Musik: Michael Hofer, Andreas Wetter Grafik: Annette Bippus Farbkorrektur: Heiko Doll Sprecher: Sebastian Röhrle Tonmischung: Christian Eickhoff Produktionsassistenz: Theresia Dewald Produktionsleitung: Jochen Dickbertel Redaktion: Kai Henkel Eine Produktion des SWR, 2020

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Elisa Reznicek
Elisa Reznicek leitet die Online-Redaktion beim Haus des Dokumentarfilms und ist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses zuständig.
Facebook
Twitter

Dies könnte Sie auch interessieren:

Kinder und Doku-TV: »Der Krieg und ich«

Dokumentarische Formate richten sich - im Kino wie im TV - zumeist an Erwachsene. Nicht so die Serie »Der Krieg und ich«. Der Branchentreff Dokville (28. und 29. Juni 2018 in Stuttgart) stellt diese von Looksilm und dem SWR produzierte Drama-Serie vor. In der Diskussion geht es speziell darum, wie Kinder auf verängstigende Themen wir Krieg reagieren.

»Ich bin Ingrid Bergman«

Sie war eine Jahrhundertschauspielerin und entzückt heute noch, mehr als hundert Jahre nach ihrer Geburt und ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod die Welt. Sie war aber auch ein rastloser Weltstar auf der Flucht. Der im Frühjahr 2015 in Cannes uraufgeführte Dokumentarfilm »Ich bin Ingrid Bergmann« wurde vielfach prämiert und ist heute, am 103. Geburtstag des Weltstars, ein echtes filmisches Juwel. Arte zeigt den knapp zwei Stunden langen schwedischen Film bis 5. Mai 2018 in der Mediathek und wiederholt ihn in der Nacht zum 6. Mai 2018 live im TV.

»Happy – Mein Vater, die Thaifrau und ich«

Lachen hilft, das Leben zu nehmen, wie es ist: Carolin Genreiths Dokumentarfilm »Happy« ist der Beweis, dass es durchaus humorvolle Dokumentarfilme geben kann. Es geht um den Vater der Filmemacherin, der in Thailand eine neue Liebe gefunden hat. Seine Tochter ist davon nicht begeistert und hinterfragt seine Pläne und sein egoistisches Verhalten in der Vergangenheit. Die Dialoge haben Witz durch die Klischees, gegen die ihr Vater permanent anrennen muss. Schließlich ist er mit Tukta in Thailand seit drei Jahren liiert und die Hochzeit steht an. Der WDR zeigt den unter anderem vom Filmkritikerverband bei der Berlinale 2018 ausgezeichneten Dokumentarfilm noch bis 16. Januar 2019 in Sender-Mediathek.

“100.000 – Alles, was ich nie wollte”: besondere Digital-Premiere der Doku
Ursprünglich sollte die Musik-Doku “100.000 – Alles, was ich nie wollte” über und mit Fynn Kliemann nur einen Tag lang deutschlandweit in die Kinos kommen. Nun erfolgte die Weltpremiere am 25.04.2020 online. Die Filmtheater erhalten dennoch eine Gewinnbeteiligung als “Corona-Unterstützung”.