Bild eines Publikums in schwarz/weiß

Neu im Kino: »I Am Not Your Negro«

Einen so kraftvollen Dokumentarfilm hat es lange nicht mehr gegeben. Von der ersten Minuten an packt Raoul Pecks »I Am Not Your Negro« seine Betrachter mit einer Collage aus historischem Bild- und Tonmaterial, perfekt eingesetzter Musikdramatisierung und natürlich mit einem fast 40 Jahre alten Text des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, der wahlweise von Hollywood-Star Samuel L. Jackson (im Original) oder vom Hamburger Rapper Sammy Deluxe (in der deutschen Version) gesprochen wird. Ein Dokumentarfilm der Kategorie »must have seen«.

Kinostart: 30.3.2017

Warum Raoul Pecks Dokumentarfilm über die Rassenunruhen in Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesem Jahr nicht den Doku-Oscar gewann, den er absolut verdient gehabt hätte, ist nur mit der seltsamen Begeisterung des amerikanischen Publikums für Crime-Stories erklärbar. So holte »O.J. Made in America« von Ezra Edelman den »goldenen Jungen«. Das ist eine Biografie des ehemaligen Sportlers O.J. Simpson, der in den neunziger Jahren vom Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber freigesprochen wurde; in den Augen von Millionen Amerikanern ist er dennoch der Schuldige geblieben. Reduzieren wir es auf die einfache Formel: »Schwarzer Mann ermordet weiße Frau und ihren weißen Lover« schlägt »Schwarze Autor schreibt sich die Wut über die Ermordung von drei schwarzen Männern von der Seele«. Oder einfacher: Krimi toppt Rassismus.

James Baldwin hatte Ende der siebziger Jahre begonnen, eine Abhandlung über den Rassismus in den USA begonnen, das Buch aber leider nicht mehr vollendet. Im Zentrum seines Textes steht die Ermordung von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X. Alle drei Bürgerrechtler waren mit ihren unterschiedlichen Taten und Standpunkten zu Symbolfiguren eines »Black America« geworden. Ihre Ermordung traumatisierte eine ganze Generation. Auch James Baldwin war schockiert. In »Remember This House« begann er, seine Wut in Worte zu gießen. Es sollte ein Hammer gegen Rassismus und Gewalt sein, doch ihm gelangen nur knapp 30 Seiten.

Was man aus einem solchen Fragment machen kann, zeigt nun eindrucksvoll Regisseur Raoul Peck. Der in Haiti geborene Filmemacher war zuletzt in Deutschland mit seinem Biopic »Der junge Karl Marx« vertreten. Über Baldwins Testamentsvollstrecker gelang er an das Manuskript – und machte daraus einen Film, der die Gewalt zeigt, gegen die sich die farbigen Amerikaner zur Wehr setzen mussten. Manche mit Gebeten, andere mit Worten, einige mit Taten. Es ist »eine Reise zur Wahrheit«, wie Baldwin schreibt, von der man nicht weiß, was man entdecken werde. Peck kontrastiert den Text mit klug ausgewähltem Bildmaterial aus den Archiven. Er zeigt den Alltagsrassismus wie auch die ganz gewöhnlich gesteuerte Ausgrenzung. Beispielsweise jene Symbolik, die ganz unterschwellig in Filmen wie »King Kong und die weiße Frau« und seinen Nachfolgefilmen vermittelt wird: der mächtige, starke und große Affe legt die Hand an das verletzliche weiße Wesen.

Baldwin fühlt sich selbst auf die Stufe des schwarzen Monsters gesetzt. Anders als der Riesenaffe war der Autor klein und schwach, seine Worte nur eine stumpfe Waffe, die dennoch stark zur Findung einer afroamerikanische Identität beitrugen. Der Schauspieler Samuel L. Jackson verleiht Baldwins Worten im Original eine sehr kraftvolle Präsenz. In den deutschen Kinos ist diese Originalspur mit deutschen Untertiteln versehen. Arte zeigt bei seiner Ausstrahlung die übersetzte Version, bei der der Rapper Sammy Deluxe den Text spricht. Eine gute Wahl: Sammy Sorge (so sein eigentlicher Nachname) wurde in Deutschland geboren, sein Vater stammt aus dem Sudan. Seine afrikanischen Wurzeln hat der Künstler oft zitiert. Neben der Musik engagiert er sich unter anderem für Flüchtlinge.

Raoul Peck hat mit viel Material aus den Archiven gearbeitet. Seine Textbasis ist bald 40 Jahre alt. Dass ihm dennoch kein langweiliges Dokuprojekt für den Geschichtsunterricht, sondern ein politischer Film zum Heute gelungen ist, liegt daran, dass er ganz aktuelle Bezüge zum Rassismus dieser Tage findet. Gewalt gegen Schwarze, Massenproteste und eine Bewegung unter dem Motto »Black Lives Matter« sind keine Artefakte aus einer vergangenen Epoche. Es sind die Ankerpunkte im Hier, die Baldwins Text aus der Vergangenheit holen. Die Zeugnisse von einst werden zu Kommentaren der Gegenwart. Er wolle seinen Beitrag leisten, hat Baldwin als Motivation genommen und dabei nicht geahnt, welchen Wert dieser Beitrag einmal haben könnte.

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