»Der Jungfrauenwahn«

In ihrem subjektiv erzählten und inhaltlich wie optisch provokanten Dokumentarfilm »Der Jungfrauenwahn« (am Montagabend im ZDF; entstand 2014; ab sofort in der Mediathek abrufbar) geht die Journalistin und Filmemacherin Güner Yasemin Balci der Frage nach, wieso im Islam die Moralvorstellungen – vor allem bei der weiblichen Sexualität – noch nach dem vor 900 Jahren enstandenen »Buch der Ehe« ausgerichtet sind. Sie zeigt dabei auch wirkende Lügen auf, die in der Hochzeitsnacht Unbeflecktheit vorgeben sollen.

Szene aus »Der Jungfrauenwahn« © Hanfgarn & Ufer, Yoliswa von Dallwitz

Szene aus »Der Jungfrauenwahn« © Hanfgarn & Ufer, Yoliswa von Dallwitz

Der Jungfrauenwahn

Es beginnt mit einem Tabubruch. Schon in den ersten Sekunden ihres Filmes »Der Jungfrauenwahn« lässt die türkischstämmige Filmemacherin Güner Yasemin Balci die Schleier fallen. Sie offenbart eine Lüge, die junge muslimische Frauen in bestimmten Situationen für rund 50 Euro und per Versandhandel aus einer Notlage befreien müssen. Die Regisseurin präsentiert ein Ersatz-Jungfernhäutchen aus Cellulose und Kunstblut, das dazu dient, in der Hochzeitsnacht die Jungfräulichkeit der Braut »zu beweisen«. Als Zuschauer mit christlichem Hintergrund fällt einem dazu ein: so einzigartig ist dieses Kuriosum gar nicht, denn auch um westlichen Kulturkreis gehören solche Lügen rund um die Sexualität bis zum heutigen Tag zur »Normalität«.

Regisseurin Balci aber will wissen, was es bedeutet, muslimisch zu sein und in einer freien Gesellschaft zu leben? Wie verträgt sich die Herkunftskultur der Eltern mit den eigenen Wünschen? Welchen Stellenwert hat das Gebot der Jungfräulichkeit für junge Menschen aus Einwandererfamilien? In ihrem subjektiv erzählten Dokumentarfilm »Der Jungfrauenwahn« bekommt die Journalistin und Filmemacherin Güner Yasemin Balci sehr persönliche Antworten auf diese Fragen. Dazu befragt sie eine große Reihe von muslimischen Frauen und Männern nach ihrem Selbstbild und nach dem, das ihnen ihre Kultur vorgibt. Eine Aussage eines heute in Berlin lebenden muslimischen Psychologen fasst dabei die ganze Problematik zusammen: Aussteiger aus den Sittenregeln des Islam, sagt er, hätten es viel schwerer als beispielsweise Aussteiger aus der rechten Szene. Sie müssten sich nicht nur gegen eine kleine Gruppe stellen, sondern gegen eine ganze Kultur. Und in der Regel auch gegen die eigene Familie.


Der Jungfrauenwahn (ZDFinfo Mediathek)

(Videos laut Sender abrufbar bis 12. September 2017)

Und doch wagen dies immer wieder junge muslimische Frauen, aber auch Männer, die von dem vorgegebenen Sexualbegriff ja ebenfalls betroffen sind. Balci selbst ist als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Schon früh hat sie beschäftigt, warum immer wieder ihre muslimischen Nachbarn ihren Kindern das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verwehren, und welchen Preis die junge Generation zahlen muss, um frei zu sein.

Der Psychologe Ahmad Mansour, die Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates, die Aktivistin Zana Ramadani und die Studentin Arife Yalniz sind die Protagonisten des Films. Sie alle mussten kämpfen, um selbstbestimmt leben zu können. Sie mussten mit ihren Familien und Freunden brechen, weil sie sich nicht an Moralvorstellungen halten wollten, die Sexualität unter Strafe stellen und die noch heute in vielen Moscheen so gepredigt werden wie vor 900 Jahren, als der muslimische Philosoph Al-Ghazali sein »Buch der Ehe« schrieb. Sie alle arbeiten daran, die Gesellschaft aufzuklären und zu verändern. Ihr Anliegen ist persönlich und politisch zugleich. Vieles von dem, was heute vor allem als Problem muslimischer Migranten verhandelt wird, wie die Unterdrückung von Frauen, überhöhter Machismo und Gewaltbereitschaft bei Männern, Zwangsehen und Gewalt im Namen der Ehre, hat seinen Ursprung beim zentralen Thema der gesamten muslimischen Welt, der Verteufelung der weiblichen Sexualität.

Dokumentarfilm, D 2014, 58 Minuten, Regie: Güner Yasemin Balci, Produktion: Hanfgarn & Ufer, ZDF