Zwei Afrikanerinnen knien auf dem Boden

Neu im Kino: Das Kongo Tribunal

Der Krieg im Kongo hat Millionen Tote gefordert. Diese Verbrechen wurden nie juristisch verfolgt. Für »Das Kongo Tribunal« gelingt es dem anerkannten Theaterregisseur Milo Rau, die Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo zu versammeln. Er lässt erstmals drei Fälle exemplarisch verhandeln und entwirft ein unverschleiertes Porträt des größten und blutigsten Wirtschaftskriegs der Menschheitsgeschichte.

Kinostart: 16. November 2017

»Das Kongo Tribunal« von Milo Rau richtet den Blick auf den Bürgerkrieg und die Massaker im Kongo, die in 20 Jahren über sechs Millionen Tote gefordert haben. Viele sehen in dem Konflikt eine der entscheidenden wirtschaftlichen Entscheidungsschlachten im Zeitalter der Globalisierung, finden sich im Kongo doch die wichtigsten Vorkommen vieler High-Tech-Rohstoffe. Allerdings wurde bisher niemand für diese Verbrechen belangt.

Deshalb inszeniert Milo Rau, der im Moment mit seinen Inszenierungen als einer der wichtigsten Theaterregisseure in Deutschland gilt, ein symbolisches Tribunal im Kongo und in Berlin, bei dem viele der beteiligten Parteien und Experten zu drei exemplarischen Fällen verhört werden. Am Ende fällt eine internationale Jury, in der auch zwei Anwälte des Internationalen Gerichtshof in Den Haag vertreten sind, ein klares Urteil. Eine unglaubliche Kraft entwickelt der Film dadurch, dass er überwiegend im Kongo spielt und man als Zuschauer schnell vergisst, dass es sich um eine Inszenierung handelt und das Urteil zunächst keine Konsequenzen für die Täter haben wird.

Die Hearings im kongolesischen Bukavu und in Berlin wurden mit sieben Kameras aufgezeichnet. Im Vorfeld des Tribunals führten mehrere Recherchereisen das Filmteam zu den zentralen Schauplätzen des Konflikts mitten im Bürgerkriegsgebiet. Im Juni 2014 werden sie zufällig Zeugen eines aktuellen Massakers in der Nähe von Bikavuan, bei dem über 30 Frauen und Kinder sterben. Milo Rau stellt fest: »In dem Film sind alle meine Interessen, aber auch alle meine Formate versammelt, die mich in den letzten 15 Jahren umgetrieben haben, Es handelt sich um ein theatrales Tribunal, bei dem aber alles echt ist: vom Minenarbeiter über die Rebellen und zynischen Minister bis zum Anwalt aus Den Haag spielen alle Teilnehmer nichts anderes als sich selbst.«

Milo Rau hat schon erreicht, dass über diese Verbrechen gesprochen wird und auch im Kongo die Bereitschaft wächst, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. »Das Kongo Tribunal« ist als multimediales Projekt. Es gibt ein Buch mit den Ergebnissen der Recherchen, eine Virtual Reality Installation und ein Game, bei dem man selbst ein Massaker und das Tribunal erleben kann. Der Film stieß gerade beim Leipziger DOK Fest auf ein immenses Interesse mit ausverkauften Vorstellungen in einem Blockbuster Kino.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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