Bild eines Sackes voller Kleingeld

»Der Pi-Code« (The Forecaster)

Den 2014 in den Kinos gelaufenen Dokumentarfilm »The Forecaster« von Marcus Vetter und Karin Steinberger gibt es bis 22. November 2017 in der SWR-Mediathek – aber unter dem ebenso vieldeutigen Titel »Der Pi-Code«. Auch der Untertitel hilft nur bedingt weiter: »Martin Armstrong – Spinner oder Genie?«. Titel hin oder her: Der Film ist ein höchst sehenswerter Beitrag zur Finanzkrise von 2007 – und ihrer Vorhersehbarkeit.

Zwischenzeitlich war die erste gemeinsame Regiearbeit des erfahrenen Dokumentarfilmers Marcus Vetter (u.a. »Das Versprechen«, »Das Herz von Jenin«) auch unter dem Titel »Das Orakel« zu sehen. Und so beginnt der Film auch: mit dem Besuch bei einem Orakel. Einem Wahrsager, einem Zukunftsdeuter.


Der Pi-Code (The Forecaster) (SWR Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 22. November 2017, 16 Uhr)

Was sich dann aber in 100 Minuten entfaltet ist kein okkultistischer Sensationsfilm, sondern ein an Spannung durchaus reicher Dokumentarfilm mit Thriller-Elementen. Umso erstaunlicher ist dies, weil es eigentlich nur um Zahlenspiele und um ihre Deutung geht. Aber der US-Ökonom Martin Armstrong, der als Protagonist im Zentrum der Recherchen steht, macht aus Zahlen erstaunlich präzise Vorhersagen.

Als Kind sammelte er wie besessen Münzen, als Teenager war er Millionär. Anfang der Achtzigerjahre entwickelte er dann ein Computermodell, das die Finanzwelt elektrisierte. Basierend auf der magischen Zahl Pi und gefüttert mit historischen Wirtschaftsdaten, sagte sein Modell mehrere große Wendepunkte der Weltwirtschaft erstaunlich präzise voraus, unter anderem die Russlandkrise 1998/99, die Dotcom-Blase 2000 und die Finanzkrise 2007.

Es gibt aber auch dunkle Seiten im Leben des Martin Armstrong. Er saß zwölf Jahre im Gefängnis – allerdings ohne ein Urteil. Das FBI warf ihm vor, mit seiner Beraterfirma Princeton Economics International ein Schneeballsystem im Wert von drei Milliarden Dollar aufgebaut zu haben. Armstrong allerdings glaubt, die US-Regierung habe die Vorwürfe nur deshalb eskaliert, um an seine Formel zu gelangen.

Der seit einigen Jahren wieder als Wirtschaftswissenschaftler aktive Armstrong bleibt auch am Ende des Filmes eine undurchschaubare Gestalt. Ein Spinner oder ein Genie, fragt der Untertitel, der so dann doch Sinn ergibt. Der Glauben fällt leicht, dass der Wahnsinn eines globalen Finanz- und Wirtschaftssystems, das niemand mehr kontrollieren kann, selbst eine Form eines weltweiten Schwindels sein könnte. Um das zu durchschauen braucht man vielleicht dann doch die Kräfte eines Orakels – die Außenstehende auch als Scharlatanerie (miss)deuten könnten.

Der Pi Code
Martin Armstrong – Spinner oder Genie
Dokumentarfilm, D/USA 2013, 100 Minuten
Regie und Buch: Marcus Vetter, Karin Steinberger
Produktion: Filmperspektive, Bukera Pictures
Co-Produktion: Eikon Media, TV-Plus, SWR, NDR
image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Facebook
Twitter

Dies könnte Sie auch interessieren:

»Der Kuaför aus der Keupstraße«
Zehn Jahre lang wollte niemand hören, dass die Opfer, die 2004 bei einem Bombenanschlag auf einen Friseursalon in Köln wirklich Opfern waren. Stattdessen hatte man sie zu Verdächtigen erklärt. Über diesen Skandal bei den Ermittlungen, die erst viele Jahre später bei den Enthüllungen gegen den NSU zu Tage trat, hat Regisseur Andreas Maus den beeindruckenden Dokumentarfilm »Der Kuaför aus der Keupstraße« gemacht.
Berlinale 2018 dokumentarisch (3): Von der Gegenwart der Vergangenheit

In seinem dritten Überblick zu sehenswerten Filmen hat unser Berlinale-Autor Kay Hoffmann einen heißen Kandidaten auf den Glashütte-Dokumentarfilmpreis gesehen: Markus Imhoofs »Eldorado«. Außerdem beschreibt er in Kurzkritiken seine Sicht zu »Den' Pobedy«, »The Best Thing you can do with your Life« und den in einer Weimar-Retrospektive gezeigten Film »Menschen im Busch« von 1930. Die Sieger eines Drehbuchpreises und neue NRW-Stipendien werden ebenfalls vorgestellt.

TV-Tipps 12.9.: Inside Job – Der Film, der 20 Billionen kostete

Der amerikanische Filmemacher Charles Ferguson hat mit seinem 2011 Oscar-prämierten Dokumentarfilm »Inside Job« die Ursachen und die Schuldigen am ökonomischen Weltbeben im September 2008 benannt. Der Film (am Mittwochabend bei ZDFinfo) analysiert die Hintergründe der Lehmann-Brothers-Pleite ohne Rücksicht auf die political correctness. Zehn Jahre nach 9/15 (dem Tag, an dem die Pleite offen ausbrach) ein noch immer wichtiger Film. Zumal manche Finanzexperten ja längst schon wieder die nächste nahende Krise im Blick haben.

Dokumentarfilme als Spiegel der Gesellschaft und der Globalisierung
Die 25. Filmschau Baden-Württemberg bietet einen Überblick aktueller Produktionen. Als bester Dokumentarfilm wurde das Porträt „Cunningham“ von Alla Kovgan ausgezeichnet. Der Preis ist vom Haus des Dokumentarfilms mit 2.000 Euro dotiert und wurde von HDF-Geschäftsführerin Ulrike Becker überreicht.