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Dokfest Kassel: Hessen, die Welt und die Zukunft des Films

Mitte November fand das 34. Kasseler Dokfest in den Programmkinos Gloria, Filmladen und Bali sowie an zahlreichen weiteren Orten um den KulturBahnhofs statt. 15.100 Zuschauerinnen und Zuschauer sorgten für einen neuen Besucherrekord. Neben Preisen und Filmen ging es auch um Themen, die auf anderen Festivals fehlen.

Die Zusammenschau der vielfältigen Sektionen verleiht dem Kasseler Festival mit seinem familiären Flair ein einzigartiges, interdisziplinäres Profil und einen anerkannten Ruf sowohl in der hessischen, deutschen als auch in der internationalen Medien- und Festivallandschaft und besitzt zugleich europäische Ausstrahlung. Dies beweisen in diesem Jahr 3133 eingereichte Arbeiten aus 77 Ländern. Das Kasseler Festival zieht also Arbeiten aus der ganzen Welt an.

Neben dem sorgfältig kuratierten Programm ist Kassel die bedeutende Plattform für den hessischen Film und seinen Nachwuchs. Rund ein Fünftel der Programme in allen Sektionen kommen von Kreativen aus Hessen oder haben einen Bezug zu diesem Bundesland. Zum achten Mal fand dort der Hessische Hochschulfilmtag statt, bei dem Studierende aktuelle Produktionen zeigen. Eine hervorragende Chance, auf sich aufmerksam zu machen und sich zu vernetzen für kommende Projekte.

Der Nachwuchs liegt dem Festival besonders am Herzen. Das unterstreichen die filmpädagogischen Begleitprogramme wie »junges dokfest«, »DokfestEducation« oder »PraxisDokfest« unterstreichen. Neben langen Dokumentarfilmen bietet Kassel als einziges Dokfestival sehr kreativ zu Themen komponierte Kurzfilmprogramme.

Zum ersten Mal wurde Kassel jetzt von der FFA als Referenzfestival für den Kurzfilm ausgewählt, bei dem Filmemacher/innen Referenzpunkte für die Förderung sammeln. Als einer der innovativsten und aufregendsten Festivals in Europa wurde es Anfang des Jahres von der European Festivals Association mit dem EFFE-Label (www.effe.eu) ausgezeichnet.

Sechs Tage liefen viele Lang- und Kurzfilme, konnte die Ausstellung Monitoring sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm besucht werden. Der von der Stadt Kassel mit 5000 Euro dotierte »Goldene Schlüssel« für die beeindruckendste dokumentarische Nachwuchsarbeit ging in der feierlichen Preisverleihung an »Taste of Cement« von Ziad Kalthoum. Der Film beobachtet syrische Bauarbeiter, die jetzt wegen dem Krieg in Beirut arbeiten müssen. Der »Goldene Herkules« (3500 Euro) zeichnet die beste filmische Produktion aus Nordhessen aus und ihn gewann der Animationsfilm »Sog« von Jonatan Schwenk. Das »junges dokfest: A38 – Produktions-Stipendium Kassel-Halle« geht an den Film »Radio Kobanî« von Reber Dosky. Den »Golden Cube« (3500 Euro) für die beste Installation der Ausstellung Monitoring gewann »Testimonials« von Ralph Schulz. Mit dem diesjährigen Ehrenpreis des Kasseler Dokfestes (3000 Euro) wurde der Kasseler Dokumentarfilmer Klaus Stern ausgezeichnet, der dem Festival schon lange verbunden ist. Sein Film „Versicherungsvertreter“ war Eröffnungsfilm 2011 und hatte allein in den Kasseler Programmkinos gut 10.000 Zuschauer. Klaus Stern hat die Geschichte des Mehmet Göker jetzt auch als Buch für ein Spielfilmprojekt weiterentwickelt, dass von der Münchner Rat Pack Produktion verfilmt werden soll.

Filmtipp: »Die Sonneninsel«

Bei den langen Dokumentarfilmen ging es oft um historische Ereignisse und Familiengeschichten. Der international bekannte Filmhistoriker Thomas Elsaesser verwebt beispielsweise in seinem Film »Die Sonneninsel« sehr geschickt die Familiengeschichte mit der Geschichte der modernen Architektur. Sein Großvater Martin Elsaesser war ein sehr bekannter Architekt, der beispielsweise die Markthallen in Stuttgart und Frankfurt gebaut hat. Er wurde Baustadtrat in Frankfurt und war direkt beteiligt an der modernen Stadtplanung, die man als das neue Wohnen bezeichnet. 1932 wurde er aus dem Amt vergrault und zog sich auf eine Insel bei Berlin zurück, die die Familie gepachtet hatte. Dort wurden Ideen des alternativen Wohnens und der autarken Versorgung aus dem eigenen Anbau erprobt. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Großmutter des Regisseurs, die das Inselleben organisierte und sich in einen befreundeten Gartenarchitekten verliebte. Die Markthalle in Frankfurt ist inzwischen der Sockel der Europäischen Zentralbank geworden. Gegen den Teilabriss des historischen Gebäudes wehrte sich die Familie erfolglos, doch zumindest soll die Erinnerung an Martin Elsaesser wach gehalten werden. Auch dazu dienst der Film »Die Sonneninsel«.

Filmtipp: »Wunder der Wirklichkeit«

Einen Blick zurück wirft Thomas Frickel in »Wunder der Wirklichkeit« über die aktive und experimentelle Kulturszene in Rüsselsheim der 1980er Jahre. Im Mittelpunkt steht der Filmemacher und Aktionskünstler Martin Kirchberger, der mit seinen Freunden die etwas verschlafene Arbeiterstadt wachrütteln wollte. Er war damit durchaus auch erfolgreich. Doch bei Dreharbeiten für einen Spielfilm, stürzte er mit einem gemieteten Oldtimer-Flugzeug über dem Odenwald ab. Es starben dabei 27 Personen, nur einige überlebten. Geblieben ist ein Verlust, dem Frickel mit viel Gespür nachforscht. Neben vielen historischen Aufnahmen – u.a. das gedrehte Material kurz bis zum Absturz, der im O-Ton zu hören ist – interviewt er zahlreiche Familienangehörige und Freunde, die eng mit Kirchberger zusammengearbeitet haben. Die Wunden der Wirklichkeit heilen langsam, wie Frickel es selbst formuliert. Für den Film bekam er dieses Jahr den Hessischen Dokumentarfilmpreis.

Filmtipp: Myanmarket

Einem ganz aktuellen Thema widmet sich Eva Knopf, die an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hat, mit »Myanmarket«. Myanmar, das inzwischen für Schlagzeilen sorgt wegen der Verfolgung der muslimischen Minderheit, war lange Zeit ein Land, das sich komplett isoliert hat. Als die Grenzen 2011 geöffnet wurden, witterten kapitalistische Konzerne und Glücksritter die Chance, diesen neuen Markt mit rund 60 Millionen Konsumenten für sich zu erobern. Eine wichtige Rolle spielten dabei Markforschungsunternehmen, die zunächst erfassen mussten, was in den Haushalten vorhanden war und was sich die Bevölkerung am meisten wünschte. Eva Knopf folgt den Marktforschern bei ihren Expeditionen in das fremde Land und kontrastiert den wirtschaftlichen Blick mit der genauen Beobachtung von Familien und ihren neuen Träumen. Innerhalb weniger Jahre wurden riesige Shoppingmalls aus dem Boden gestampft, die neue Bedürfnisse wecken sollen. Doch der Markt leidet an den geringen Verdiensten der Bevölkerung.

Zukunft des deutschen Dokumentarfilms

In Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Lichter Filmfest veranstaltete das DOK Fest einen „Salon – Zukunft deutscher Film“. Nachdem angeregt von Edgar Reitz der Spielfilm bereits diskutiert worden war, ging es nun um den Dokumentarfilm. Aus verschiedenen Gründen verliert er an Bedeutung im Kinoalltag, jedoch verbuchen Dokumentarfilmfestivals steigende Besucherzahlen und spezielle Events und Kinotouren können sehr erfolgreich sein. Es gibt also weiterhin ein Interesse des Publikums.

Daniel Sponsel vom DOK Fest München schlug vor, das Marketing für den Dokfilm zu stärken. Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms, Autor dieser Zeilen, nannte es als widersinnig, dass der deutsche Film inzwischen pro Jahr mit bis zu 400 Millionen Euro gefördert wird, davon allerdings 90 Prozent in die Produktion fließen. Ein Teil der Förderung sollte auf Stoffentwicklung, Marketing und Archivierung verlagert werden. Die Ergebnisse des Salons werden beim Kongress »Zukunft deutscher Film« beim Lichter Filmfest Anfang April im Frankfurter Zoo vorgestellt und diskutiert.

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Kay Hoffmann
Dr. Kay Hoffmann ist Studienleiter Wissenschaft im HDF und Gesamtkoordinator des DFG-Projekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945-2005“. Zusätzlich ist er seit langem Kurator der erfolgreichen DOK Premieren in Ludwigsburg.
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