TV-Tipp 2.12.: Böller für Böll

Ein Schriftstellerleben in 45 Minuten – die vielen Bücher, Gedichte und Aufsätze, die Anfeindungen und Widerreden, den Literaturnobelpreis, den Zwist mit der Kirche, sein christlicher Glaube und die Hoffnung auf einen Neuanfang für eine ganze Nation. Kann man das in unter einer Stunde erzählen? Norbert Busé gelingt das in »Heinrich Böll – Ansichten eines Anarchisten« (bei 3sat am Freitag in Erstausstrahlung) – und noch viel mehr.

3sat, 20:15 Uhr: Heinrich Böll – Ansichten eines Anarchisten anschließend: ab 21 Uhr: Gruppenbild mit Dame (Spielfilm) ab 22:40 Uhr: Die große Literatour – Heinrich Böll

In der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts – was die Populärkultur ausdrücklich mit einschließt wie die hohen Künste – kennt sich der frühere ZDF-Redakteur und erfahrene Filmemacher Norbert Busé bestens aus. In seinem umfangreichen Filmwerk hat er bereits die »Großen« wie Stockhausen, John Cage oder George Tabori portraitiert, wie auch die Stars der Massen: Elvis Presley, den Chinesischen Staatszirkus oder einfach nur die Bewegte Republik Deutschland. Vor allem seine Recherchen zur »Bewegten Republik«, einer aus vier Teilen bestehenden Kulturgeschichte Deutschlands nach dem Krieg bis in unsere Tage, werden ihm auch Material zu Heinrich Böll geliefert haben. Böll, zeitlebens umstritten wie beliebt, gilt vielen – und nicht nur Deutschlehrern – als einer der wichtigsten, vielleicht gar als der wichtigste Literat der Bundesrepublik. Das »literarische Gewissen der BRD« hat man ihn genannt – von jenen, die es gut mit Böll meinten. Andere haben ihn bis hin zur Verleumdung und öffentlichen Brandmarkung geächtet und in die Nähe der RAF-Terroristen gesetzt. Die Veränderungen der BRD in den sechziger und fünfziger Jahren, die gegen vieles anbrandeten, was sich seit Jahrzehnten und tausend braunen Jahren in der vermeintlichen deutschen Seele verschanzt hatten, schienen für viele in einem Schuldigen zu kulminieren: in eben jenem Schriftsteller Heinrich Böll. Der nur 45 Minuten kurze Film verliert keine Sekunde seiner knappen Zeit. Er ist voll mit Bildern und Zitaten, mit Gedanken und Gedichten. Selbst namhafte Interviewgäste wie der Journalist Günter Wallraff, der Musiker Wolfang Niedecken oder Bölls Enkelin Samay Böll werden nur sekundenkurz in die Flut aus Informationen geschnitten. Selbst zu Reenactements, in denen Schauspieler Böll im Krieg und in seiner letzten Lebensphase spielen, reichte es. Es ist nicht nur ein Leben als Mensch, als Literat und Hassfigur, dass da auf seine Essenz komprimiert wird. Es ist auch ein Kurzabriss einer sich wandelnden BRD. Anarchisten sind Träumer, hört man Heinrich Böll, der am 21. Dezember hundert Jahre alt geworden wäre, am Ende des Filmes sinngemäß sagen. Wer hätte zu träumen gewagt, dass nach so langer Rezeption seines Werkes und einem in weiten Teilen auch schon begonnenen Vergessen, über Böll ein so essenzieller Film entstehen kann. Grundlage und Anreiz zugleich, sie wieder zu entdecken: den traurigen Clown, die entehrte Katharina Blum, den verlorenen Kriegsheimkehrer. Die letzten Minuten des Filmes sind ganz privaten Erinnerungen gewidmet: jener der Enkelin an den Großvater. Und das ist vielleicht der besten Dienst, den Busé diesem Streitbaren erweisen konnte. Da beschreibt er nicht ein weiteres Mal den Literaturgekrönten, den Gesellschafts- und Kirchenkritiker, den Übervater der Friedensbewegten. Er zeigt Böll als Böll. Ein Mensch, durchs Leben getragen von allen, die vor ihm waren, als Summe seiner Ahnen und seiner Taten. Ein herzliches Bild, das dem Bescheidenen so viel besser steht und ihm wohl gefallen hätte.
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