Symbolbild Platzhalter Filmstreifen

»Die Fifa-Familie«

Ausgehend von der umstrittenen Wahl Katars zum WM-Ausrichter 2022 entschlüsselt der dänische Dokumentarfilm »Die Fifa-Familie – Eine skandalöse Liebesgeschichte«, wie Korruption, Steuerhinterziehung und Stimmenverkauf in der Fifa funktioniert. Ein Film, der alle sprachlos werden lässt, die immer glauben, dass es im Fußball um einen Ball und 22 Spieler geht. Bis 15. März 2018 in der Arte-Mediathek abrufbar.

In manchen Familien gelten eigene Gesetze und die müssen nicht unbedingt mit denen übereinstimmen, die für andere Menschen und Organisationen gelten. Dass für die Fifa, den mächtigen Welt-Fußballverband, ganz besonders eigene Gesetze gelten, erlebte man schon lange. Doch erst in den letzten Jahren sind die Machenschaften um WM-Vergaben, um Anreizzahlungen für Stimmabgaben, um mysteriöse Umschläge mit Tausenden von Dollars, die an Exekutivmitglieder ausgeteilt wurden, ans Licht der Öffentlichkeit geraten.


Die Fifa-Familie (Arte-Mediathek)

(Video laut Sender abrufbar bis 15. März 2018)

Dass dies heute – zumindest teilweise – publik ist, ist einem Mann zu verdanken, der viele Jahre an dem System der Fifa-Familie partizipiert hat: Chuck Blazer, dem ehemaligen Generalsekretär des amerikanischen Fußballverbandes CONCACAF. Chuck Blazer, den sie auch »Mr. Zehn Prozent« nannten, weil er von Zahlungen an den Fußballverband stets einen eigenen Anteil absteckte, wurde zu Whistleblower gegen die Fifa. Er wurde dies nicht einfach so, er wurde es unter Druck. Denn im Jahre 2011 nahm das FBI Ermittlungen gegen ihn auf. Wegen Steuerhinterziehung und auch wegen den Machenschaften um die Vergabe der WM 2022 an Katar. Die Wahl, bei der die USA eigentlich fest mit einem Zuschlag gerechnet hatten, gilt heute mehr den je als »gekauft«.

Chuck Blazer wurde unter dem Druck des FBI zum Informanten. Er gewährte Einblicke in die Fifa-Familie und ging sogar mit verstecktem Diktiergerät zu Treffen, um seine eigen Haut zu retten. Im Herbst 2017 ist Chuck Blazer gestorben. Die Geschichte des Skandals, den er ausgelöst hat, wird in der dänischen Dokumentation »Die Fifa-Familie – Eine skandalöse Liebesgeschichte« maßgeblich von Mary Lynn Blanks nacherzählt. Sie war jahrelang die Lebensgefährtin Blazers und gewann an seiner Seite tiefe Einblicke in die Familie.

Das Faktengerüst dieser brisanten Dokumentation hat das dänische Filmteam mit sorgfältiger journalistischer Recherche aufgebaut. So analysieren sie zum Beispiel, weshalb Michel Platini, damals Vertreter der Uefa (des europäischen Fußballverbandes) seine Stimme überraschend an Katar gab und nicht, wie eigentlich versprochen, für die Amerikaner. Platini, ein enger Freund des französischen Staatspräsidenten Nicholas Sarkozy, soll laut der Dokumentation auf politischen Druck gehandelt haben. Frankreich hoffte auf gute wirtschaftliche Geschäfte mit Katar.

Was die Dokumentation in einer Stunde aufdeckt, benennt und enthüllt, hat die Brisanz, um endgültig klar zu machen, dass die Fifa-Familie nach eigenen Gesetzen handelt. Aus dem Rechtsverständnis der Außenstehenden, ist das nur mit Unrecht zu übersetzen.

Den wichtigsten Satz sagt kurz vor Schluss des Filmes eine Interviewte, die Katar bei seiner WM-Bewerbung damals beriet. Auf die Frage hin, ob man, nachdem nun klar sei, dass die Wahl gekauft war, Katar die WM entziehen solle, sagt sie: »Ich glaube nicht, dass sie (Katar) etwas anderes gemacht haben als die anderen (Bewerbe).« Will heißen: Die einen waren schlechter, die anderen besser. Das wiederum ist der Grundgedanke von Sport – im Fifa-Fußball-Kosmos zu einer monströsen Geld- und Korruptionsmaschine gewandelt.

Die Fifa-Familie – Eine skandalöse Liebesgeschichte
Dokumentation, DK 2017, 59 Minuten
Regie: Niels Borchert Holm
image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Facebook
Twitter

Dies könnte Sie auch interessieren:

»Die große Fifa-Story«

Auch rund drei Jahre nach ihrer Erstsendung ist "Die große Fifa-Story" des französischen Journalisten Jean-Louis Perez, 2015 nach dem Blatter-Skandal und seinen Folgen gedreht, allen Fußballspielen gegenüber überlegen: Man kann sie immer wieder sehen ohne sie langweilig zu finden, den sie zeigt, wie eines der mächtigsten Sportunternehmen der Welt agiert und funktioniert. Noch bis zum 7. September 2018 ist die 95 Minuten lange Dokumentation in der Arte-Mediathek abrufbar.

TV-Tipp 28.10.: Mexiko – die Frau, die Musik, der Tod

Es gibt da mehr als nur eine Mauer, wenn man an Mexiko denkt. Zum Beispiel gibt es eine Kultur, die sowohl ästhetisch, als auch politisch ist. Und es gibt den Tod, der in Mexiko nichts Engültiges hat. Und es gibt die Musik. Doris Dörries Dokumentarfilm »Dieses schöne Scheißleben« von 2014 handelt von einer weiblichen Mariachi in Mexiko auf der Suche nach dem persönlichen Glück und ihren Kampf gegen Machismo. Der Film war unter anderem für den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2015 nominiert. Phoenix zeigt ihn am Samstagabend.

Dokfest Kassel: Hessen, die Welt und die Zukunft des Films

Mitte November fand das 34. Kasseler Dokfest in den Programmkinos Gloria, Filmladen und Bali sowie an zahlreichen weiteren Orten um den KulturBahnhofs statt. 15.100 Zuschauerinnen und Zuschauer sorgten für einen neuen Besucherrekord. Neben Preisen und Filmen ging es auch um Themen, die auf anderen Festivals fehlen.

»1917 – Die Künstler und die Revolution«
Bei Dokville 2017 vor wenigen Wochen schilderte die Filmemacherin Kathrin Rothe ihre Arbeit und künstlerische Freiheit bei der Umsetzung von »1917 – Der wahre Oktober«. Der Dokumentarfilm, der Geschichte mit Animationen erzählt, ist eine filmkünstlerisch ganz einzigartige Neuerzählung der Oktober-Revolution. Und man darf ihn auch einfach mal uneingeschränkt schön finden. Arte zeigt eine 52-Minuten-Version des Filmes unter dem Titel »1917 – Die Künstler und die Revolution« bis zum 1. Dezember 2017 in der Mediathek des Senders.